Notizen-Nordamerika

Across Canada 1

Von Halifax, Nova Scotia nach Edmonton, Alberta

August 2006

Wir hatten beid ein flaues Gefühl in der Magengegend, als wir am 22. Juli Rabatzi in Bremerhaven seinem Schicksal überlassen mußten. In knapp drei Wochen sollte er von hier aus ganz allein ohne uns nach Halifax in Kanada über den Atlantik schippern. Die Kabine hatten wir zwar gründlich verrammelt, aber das Führerhaus mußten wir offen lassen und den Schlüssel abgeben. Gemildert wurde der Trennungsschmerz durch einen sehr freundlichen Herr namens Neubauer. Er ist Schiffsagent und arbeitet für die Firma SeaBridge. Beim gemeinsamen Kaffe plauderten wir übers Reisen und vergaßen fast, dass es höchste Zeit war, nach Hause aufzubrechen.

Insgesamt hat die Verschiffung wirklich perfekt funktioniert. Die Firma SeaBridge hat uns echt fantastisch betreut. Wir haben jede Menge nützliches Material bekommen und am Telefon war keine Frage zu dumm. Das hat uns Vertrauen eingeflösst. Deshalb lautet unser Gesamturteil: sehr empfehlenswert!

Es ist der 7. August 2006. In Lörrach ist es 6.30 Uhr in der Früh. Im Zug neben uns sitzen die Leute über der Zeitung gebeugt. Andere schlafen. Sie alle fahren zur Arbeit. Wir haben die gewaltigen Rucksäcke zwischen den Knien und wissen nicht so recht, was mit uns los ist. Haben wir auch nichts vergessen? Ist alles abgeschlossen? Wir hatten versucht, alles früh genug zu erledigen, aber die letzten Tage kam dann doch Hektik auf. Wir haben unser zu Hause schon oft verlassen, um auf Reisen zu gehen. Aber diesmal ist alles anders. Keine Pflanzen mehr in der Wohnung, sämtliche Abos gekündigt, Telefonleitung gekappt … Es ist komisch. Doch sogleich stellt sich auch wieder dieses beruhigende Gefühl ein, dass wir ganz liebe Menschen kennen, die sich um uns und unsere Sachen kümmern. Vielen Dank Daniela und Werner! Vielen Dank Frieda und Vassili! Im Zug nach Frankfurt wird uns allmählich klar: Das war der Anfang. Es geht los. Wir sind “on the road” oder etwas genauer “on our way”.

Die Maschine nach Halifax startet mit sechs Stunden Verspätung. Das fängt ja gut an! Es ist fast Mitternacht, als wir zirka sieben Stunden später in Halifax landen. Wir erwischen noch den letzten Shuttlebus zum Hotel. Doch als uns am nächsten Morgen strahlender Sonnenschein weckt, denken wir nur noch an die Zukunft. Nach dem ersten echt kanadischen Frühstück schlendern wir den ganzen Tag durch die schöne Altstadt von Halifax, genießen an der Hafenmole bei einer Tasse Cappuccino den Blick übers Wasser. Halifax hat einen einzigartigen Naturhafen mit viel Geschichte.

Am nächsten Tag kommt nochmals leichter Stress auf. Gleich am Morgen ruft die Spedition an und bittet um die Schlüssel. Der kanadische Zoll interessiert sich für unser Auto. Am Nachmittag trifft die erlösende Nachricht ein: Alles in Ordnung. Wir können zum Hafen fahren und unser Auto abholen. Als wir am Tor zum Terminal stehen, hat der freundliche Herr, der uns begrüßt, eigentlich schon Dienstschluss. Aber er arbeitet noch 15 Minuten extra für uns und dann ist es so weit: Wir können Rabatzi richtig begrüssen. Er ist total unversehrt. überglücklich drehe ich den Zündschlüssel. Das Geräusch des schweren Diesels ist vertaut und beruhigend. Der nette Kanadier hat noch ein paar Fragen und dann geht es endlich wirklich los …

Let’s go west – das ist unser Motto für die nächsten Tage. Auf dem TransCanada Highway wollen wir ziemlich zügig bis nach Edmonton, Alberta fahren. Dort wird unser Sohn Mark heiraten. Und zur Hochzeit wollen wir natürlich pünktlich sein. Zunächst aber suchen wir uns ganz in der Nähe einen Campingplatz, um Rabatzi für die Fahrt umzupacken. Das Ersatzrad und die Box müssen wieder aufs Dach. Die Sachen aus den Rucksäcken müssen in die Schränke …

Dieses Land ist wirklich rießig! Von Halifax aus ging es quer durch New Brunswick bis nach Québec. Dann amSaint Laurent entlang über Québec City bis nach Montreal. Kurz danach kreuzten wir die Grenze zu Ontario. Am Ottawa River entlang ging es durch endlose Wald- und Seenlandschaften. Kurz vor North Bay fanden wir wieder einen wunderschönen Campingplatz. Die freundlichen Besitzer schenkten uns eine Flasche besten Rotwein, sodass es am nächsten Morgen ein wenig später wurde …

Die Prärie ist endlos. Zuerst sieht man die Brücken, dann die Flüsse. Der Horizont ist so weit, dass man glaubt, die Erdwölbung zu erkennen. Wir durchqueren Manitoba. Die Skyline von Winnipeg erscheint am Horizont. In Saskatchewan wird die Landschaft noch flacher. Der Himmel ist stahlblau. Keine Wolke ist zu sehen. Aber wir haben enormen Gegenwind. Der Motor wird zu heiß. Einfach langsamer fahren, empfielt mir Marjorie. Edmonton läuft uns nicht weg. Natürlich hat sie wieder mal recht.

Nach fünf Tagen und 5100 Kilometern ist es dann so weit. Wir haben unser erstes Ziel erreicht. Auf demStraßenschild steht Edmonton. Wir schließen unsere Kinder in die Arme.

Zu den Bildern: 00 Across Canada

Across Canada 2

Von Edmonton, Alberta nach Waterloo, Ontario

September 2006

In Edmonton ist der Start zu unserer zweiten Kanada-Durchquerung. Diesmal von West nach Ost. Und diesmal nur 4100km bis nach Waterloo in Ontario. Dort haben Mark und Heather ihren neuen Wohnsitz aufgeschlagen. Wir wollen die ersten Besucher sein und sind neugierig, wie sie sich eingerichtet haben. Aber zunächst geht es auf dem Highway No 2 Richtung Süden nach Calgary. Das ist eine sehr belebte Straße. Sie führt durch die für Alberta so typische Prärielandschaft, die hier schon allmählich in die Foothills übergeht. Je mehr man sich Calgary nähert, um so klarer treten auf der rechten Seite die Berge hervor. Und als die Straße dann einen letzten Hügel erreicht hat, sehen wir die Wolkenkratzer von Downtown Calgary in der Ebene liegen. Dabei sind das noch gut 35 km bis dorthin. Wir nähern uns dieser schnell wachsenden Stadt zu einer Zeit, da die rote Sonne hintern den mit ewigem Schnee und Eis bedeckten Gipfeln versinkt. Ein imposantes Bild. Wir haben es schon oft gesehen, aber es zieht uns immer wieder in seinen Bann.

Nach einem kurzen Verwandtenbesuch brechen wir wieder auf. Diesmal auf dem TransCanada Highway. Der Kompass zeigt genau nach Osten. Das Panorama im Rückspiegel ist so gewaltig, daß wir schon wieder anhalten. Wir müssen ein Bild machen. Und wir müssen uns mit einem letzten Blick von den Rocky Mountains verabschieden. Wann immer wir können, werden wir zu diesen Bergen zurückkehren. Nun geht es durch eine der verlassensten Gegenden Canadas. Durch den Süden von Saskatchewan. Die Prärie ist so flach und so endlos. So gewaltig und einsam. Man glaubt erkennen zu können, daß die Erde eine Kugel ist. Und an diesem langen Horizont fährt ein ebenso langer Zug. Diese Bilder mit der Kamera einzufangen, ist unmöglich. Wir versuchen, diese Eindrücke in uns selbst zu speichern. Ab und zu wird diese Einöde von modernster Technik unterbrochen. Riesige Windgeneratoren teilen den Horizont. Die Kanadier sind nicht nur sehr freundliche und höfliche Menschen. Sie sind auch sehr umweltbewußt. In einem kleinen Nest namens Swift Current finden wir einen gemütlichen Campingplatz. Geleitet wird er von einem koreanischen Ehepaar, das ein paar Jahre in Deutschland gelebt hat und jetzt hier eine neue Heimat gefunden hat.

In Manitoba werden die Bäume wieder zahlreicher. Und endlich treffen wir wieder auf richtigen Wald. Am Reed Lake beobachten wir die Tundra Swans auf ihrer Migrationsroute gen Süden. Wir finden einen wunderbaren übernachtungsplatz. Nicht in Austin Texas, sondern in Austin Manitoba. Dort gibt es ein Agricultural Museum mit angeschlossenem Campingplatz. Alle Tore zum Platz waren offen, alle Türen zu den Waschräumen waren zu. Kein Mensch war zu sehen. Kein Gast und auch keiner, der Geld wollte. Wir waren ca. 3 km von der Eisenbahn entfernt. Es war sehr ruhig und sehr finster. Wir haben herrlich geschlafen. Warum ich das so betone? Nun, da muß ich noch ein Wort über die Eisenbahn verlieren. Es gibt in Ost-West- bzw. West-Ost-Richtung zwei Hauptverbindungen. Die eine gehört der Canadian National und die andere der Canadian Pacific. Für uns war die Eisenbahn eine zweispältige Sache. So romantisch wir die Züge durch die Prärie oder durch die Berge fanden, so lästig war es oft nachts. Die meisten Campingplätze schlossen Ende September. Und die, die noch offen hatten, waren oft genau in dem 500 m Streifen zwischen TransCanada Highway und Bahnlinie. Die Bahnübergänge sind offen, und vor jeder Kreuzung hängt sich der Zugführer an die Pfeife für ein Signal (2x lang, 1x kurz und 1x lang – und ich meine LANG) . Die Kreuzungen (zwischen den “Sections”, in die das Farmland aufgeteilt sind) befinden sich ungefähr nach jeder Meile (1,6 km). Das Signal hört man 3 Meilen weit, als wäre es in den eigenen vier Wänden!!

Die Kakabeka Falls bei Thunder Bay werden auch die kleinen Niagara Fälle von Nordontario genannt. Schade, daß sie gerade so wenig Wasser führten, als wir da waren. Aber es war trotzdem beeindruckend. Und jetzt kommt für alle Leser mit kleinen Kindern ein toller Tipp für ein Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenk: ein Buch von Winnie-the-Pooh. Am großen mächtigen Lake Superior auf dem Weg nach Sault Ste. Marie liegt ein kleiner Ort namens White River. Es ist der Geburtsort von Winnie-the-Pooh. Und dies ist wirklich eine wahre Geschichte. Sie geht so: Im August 1914 gab es ein Leutnant, der in dem Ort White River einen jungen Schwarzbären, ein Weibchen, gekauft hatte. Er nannte es WINNIE nach seinem Heimatort Winnipeg. Er war auf dem Weg in den Krieg nach Europa (1. Weltkrieg). Winnie wurde Maskotchen für die Soldaten bis der Leutnant im Dezember 1914 den Bär dem Londoner Zoo für die Dauer seiner Dienstzeit in Frankreich gab. 1919 vermachte er den Bär dem Zoo für immer. Dort lernten ihn der Autor A.A. Milne und sein Sohn Christopher kennen. 1926 haben A.A. Milne und der Illustrator seiner Bücher die Figur Winnie-the-Pooh erschaffen. Die Skulptur im Bild wurde im August 1992 aufgestellt.

Und nun noch ein paar Impresionen aus dem Herzen Ontarios. Dort wohnt unser Sohn Mark mit seiner Frau Heather, in Waterloo Ontario. Und was ihr im Bild seht ist der frühe Wintereinbruch in der Nacht zum Freitag, den 13. Oktober 2006! Buffalo und die Niagara-Umgebung weiter südlich hat es am schlimmsten getroffen. Sie hatten einen Stromausfall, weil bis zu 50 cm Neuschnee auf Bäume voller Blätter gefallen ist, und die wiederum auf die Stromleitungen kippten. Auf unserer Fahrt zum Lake Simcoe mußten wir zunächst über den Highway 401. Die Kanadier nennen ihn kurz den “four o one”. Es ist die Hauptverkehrsader am Lake Ontario entlang, an Toronto vorbei. Erfahrungen, die man auf der deutschen Autobahn gemacht hat, sind hier nützlich. Am schlimmsten ist es da, wo zu den vier Spuren in jeder Richtung noch jeweils vier dazukommen, um den auffahrenden und abfahrenden Verkehr zu leiten. 100 km/h ist erlaubt. So gut wie keiner hält sich an diese Begrenzung. Viele fahren bis zu 140 km/h. Lastwagen dürfen genau so schnell wie alle anderen fahren. Und mit ihren riesigen Motoren können sie das und sie tun es auch.

Wir fahren nicht direkt zum Lake Simcoe, sondern zum Trent-Severn Waterway. Dort haben Heathers Großeltern Eleanor and Grant ein cosy cottage at the lake. Vielen Dank ihr beiden für die wunderschönen Tage, die wir bei euch verbringen durften. Es war eine entspannte und erholsame Zeit. Ganz in der Nähe gibt es das Kirkfield Lift Lock am höchsten Punkt des Trent-Severn Waterway. Vom Lake Ontario (182 m) müssen alle Schiffe auf diese 250 m Höhe durch Schleusen, und dann wieder durch Kanäle und Schleusen 80 m hinunter über Lake Simcoe bis Lake Huron. Die Schleuse arbeitet hydraulisch. Die Schiffe werden in beiden Schleusenteile gleichzeitig hineingelassen. Es funktioniert wie zwei große Badewannen, von denen die eine nach oben und die andere nach unten geht. Natürlich mußte Marjorie in Kirkfield auch ein Bild vom berühmtesten Haus des Ortes machen. Hier lebte Sir William MacKenzie (1849-1923). Die kleine Infotafel hat sie für euch abgeschrieben: “An outstanding entrepreneur, Sir W. MacKenzie with his partner Sir Donald Mann built the Canadian Northern Railway, opening large areas of the West to settlement. Born in present-day Kirkfield, MacKenzie excelled in financing and constructing railways. He diversified into mining and shipping, developed Ontario’s first major hydro-electric power system, and electrified streetcar lines in Toronto and Winnipeg, as well as in Brazil. His major work, the transcontinental Canadian Northern Railway, completed in 1915, later formed a large component of the Canadian National Railways.”Das Wetter wird zunehmend schlechter. Wir müssen weiter. Wir wollen weiter. Eigentlich nach Süden. Aber vorerst beträgt der Kurs Ost-Nordost, an der Ferris Hängebrücke bei Campbellford vorbei, an Kingston vorbei bis zu den Thousand Islands. Es geht ständig am St. Lawrence entlang. Bald werden wir Canada verlassen und in die USA einreisen. Wir sind auf dem Weg nach Vermont. Wir wollen dem Regen entfliehen und Indian Summer erleben. Jörghat einen brandneuen Reisepass in der Tasche mit einem Visum für 10 Jahre. Und Marjorie ist schließlich Kanadierin. Trotzdem sehen wir mit etwas gemischten Gefühlen dem nächsten Tag entgegen.

Zu den Bildern: 01 Across Canada 2

The Appalachian Trail

Im Indian Summer von Vermont bis Tennessee

Oktober 2006

Die Appalachen sind ein Gebirgszug, der praktisch den gesamten Osten der USA und auch noch Canadas beherrscht. Über 4000 km ziehen sich diese Berge von Alabama im Süden der USA immer parallel der Atlantikküste entlang bis nach Neufundland in Canada. Damit gehören sie zu den längsten Gebirgszügen der Welt. Nachdem wir den Osten von Canada, die sogenannten Maritimes, schon ganz gut kennen, haben wir diesmal Kurs Südwest durch die USA genommen. Von Vermont bis Tennessee sind wir gezogen und haben dabei versucht, die Interstates zu vermeiden. Wir waren sehr überrascht, wie abwechslungsreich diese Landschaft ist. Und wie farbenprächtig in dieser Jahreszeit! Bei diesem Bericht sollen die Bilder im Vordergrund stehen. Wir wollen es euch ersparen, die Namen all dieser Brücken in Vermont und New Hampshire zu lesen. Sie haben alle eine interessante Geschichte. Und so lautet das Thema ‘Bedeckte Brücken’.

A m schönsten waren auf dieser Strecke die vielen Farben der Bäume. Die Menschen hier nennen es den ‘Indian Summer’. Es ist ein besonderes Naturphänomen, das mit dieser Intensität nur hier im Nordosten Amerikas auftritt. Durch die Nord-Süd-Ausrichtung der Appalachen kann im Herbst polare Kaltluft ungehindert weit in den Süden vorstoßen. Gleichzeitig strahlt die Sonne aber noch kräftig vom Himmel. Das führt zu extremen Temperaturunterschieden zwischen Tag und Nacht. Die Bäume reagieren darauf mit kräftiger Verfärbung ihrer Blätter. Insbesondere der Ahornbaum mit seinen vielen Ausprägungen entwickelt zumindest in der Farbgebung eine Phantasie, wie sie von keinem Maler zu übertreffen ist. Und wenn in diese Farbenpracht hinein der erste Schnee fällt und die Landschaft wie gepudert aussieht, dann bekommt man den Eindruck, als war da ein wirklich großer Meister am Werke …

Der Grenzübertritt in die USA verlief kurz und ohne Probleme. Die Beamten waren korrekt und freundlich. Durch Vermonts Norden hindurch fahren wir direkt bis New Hampshire (the Granite State) in die White Mountains. In diesem Staat zahlen die Leute keine Steuern und auf den Nummernschildern der Autos steht live free or die. Ab sofort gehören wir zu den Leaf Peepers. Das sind die Leute, die sich im Herbst das bunte Laub der Bäume anschauen. Und übernachtet haben wir auch an einem besonderen Ort. In Woodstock. Aber nicht in dem berühmten Woodstock. Das liegt nämlich im Bundestaat New York.

Bretton Woods lesen wir plötzlich auf dem Straßenschild. Da hatten wir in der Schulzeit mal was davon gehört?!? Das Gebäude beeindruckt uns. Vor allem wie es in die Landschaft eingebettet ist, überragt vom Mt. Washington (1917 m). Auf der Tafel lesen wir: Das Mount Washington Hotel war beim Geldadel als Sommerresidenz beliebt. Anfang des 20. Jh. kamen täglich bis zu 50 private Bahnwaggons an. 1944 fand hier eine große Konferenz statt. Die Bretton Woods Monetary Conference. Die World Bank wurde aus der Taufe gehoben, der Goldpreis am US Dollar bei “$35 an ounce” ausgerichtet und der amerikanische Dollar als backbone für den internationalen währungsaustausch festgelegt.

Montpelier ist die Hauptstadt von Vermont. Mit nicht einmal 10000 Einwohnern ist es die kleinste Hauptstadt aller US-Bundesstaaten. In Vermont erinnert vieles an Europa. Und selbstverständlich haben wir hier einiges gemacht, was hier alle Besucher machen. In Ben & Jerry’s Ice Cream Factory haben wir delicious ice cream probiert. In Cold Hollow Cider Mill haben wir excellent apple cider getrunken. Auch den delicious Vermont Cheddar Cheese from Cabot Creamery haben wir uns nicht entgehen lassen. Bei letzterem hielt sich die Begeisterung in Grenzen, da unser Gaumen von zu Hause her doch sehr von den vielen tollen französischen und schweizerischen Kädseprodukten verwöhnt war. An dem Kaffee in dem kleinen privaten von der Mona Lisa bewachten Kunstmuseum war aber nichts auszusetzen. Und zu guter letzt haben wir uns auch noch das Haus der Trappe Family angeschaut, die durch das Musical The Sound of Music bekannt geworden ist.

Robert Frost, der große Dichter Amerikas begleitet uns durch die Green Mountains Vermonts. Marjorie hat für euch ein paar Zeilen von ihm aufgeschrieben. Der erste Vers ist eine Ergänzung zu den Bildern.

Stopping by Woods on a Snowy Evening

The woods are lovely, dark, and deep,
But I have promises to keep,
And miles to go before I sleep,
And miles to go before I sleep.

Die nächsten Zeilen sagen euch etwas über unser Reisemotto.

The Road Not Taken

I shall be telling this with a sigh
Somewhere ages and ages hence.
Two roads diverged in a wood, and I
I took the one less travelled by,
And that has made all the difference.

Der Himmel von Vermont ist auch ein besonderer. Irgendwie. Die Wolken verändern sich so schnell. Sie sind weich oder bizarr. Man will weiterfahren. Aber dann muß man doch noch ein Bild machen. Wir haben vier für euch ausgesucht. Es war eher schlechtes Wetter. Aber jeder von euch weiß, daß nicht immer die Sonne scheint. Auch die Gebäude sind irgendwie lieblicher als sonstwo in Amerika. Irgendwie anders. Übertreibung? Dann sollte euer nächstes Reiseziel Vermont heißen!

Von Halloween hört man inzwischen auch bei uns in Europa. Welchen Stellenwert es hier in Amerika hat, kann man nur ermessen, wenn man die geschmückten Häuser gesehen hat. Vor jedem Haus steht irgendetwas im Garten. Manche haben ware Kunstwerke geschaffen. Nachts ist natürlich alles beleuchtet. Da blinkt es in tausend Farben. Es rattert und faucht. Da müßten eigentlich sogar die Gangster Angst bekommen.

Wie schnell wir von Vermont durch New York State, Maryland und West Virginia nach Virginia gekommen waren, das mussten wir uns am nächsten Tag nochmal in Ruhe auf der Karte anschauen. Wer es genauer wissen will, der möge sich mal seinen Schulatlas aus dem Schrank holen! In Virginia sind wir den Skyline Drive durch den Shenandoah National Park gefahren. Das indianische Wort Shenandoah bedeudet Silver Water oder Green Meadows oder auch River of High Mountains. Es ist ein Teil der Blue Ridge und bildet die östliche Flanke der Appalachen. Bei Schnee und -7°C haben wir auf dem Big Meadows Campground mitten im Park übernachtet. (Wer von euch beneidet uns noch?) Was noch zu erwähnen ist: Die Monarch Schmetterlinge entpuppen sich hier. In Mexiko wollen wir sie wiedersehen.

Natural Bridge of Virginia heißt dieses Felsengebilde auf einem der letzten Bilder unten. Thomas Jefferson mochte es so sehr, daß er es von King George III im Jahre 1774 für $2.40 kaufte. Um heute in das private Areal hinein zu kommen, muß man $12.00 Eintritt zahlen. Den Abschluß unserer Ostdurchquerung bilden die Great Smoky Mountains. Hier müssen wir in einem kleinen Nest namens Newport noch ein wenig in einem Motel ausharren. Jörg hat es nämlich erwischt. Der Weisheitszahn musste raus. Aber er fühlt sich schon wieder besser und bald gehts weiter, zunächst für ein paar Tage Richtung Westen. Auf der berühmten Route 66, die heute gar nicht mehr so heißt.

Zu den Bildern: 02 The Appalachian Trail

Arizona - New Mexico

Wüsten und Wind und Weite

November 2006

Von den Great Smoky Mountains im östlichen Tennessee sind wir quer durch den ganzen Staat gefahren. Vorbei an so berühmten Orten wie Knoxville und Nashville bis hin nach Memphis in den bottomlands des Mississippi. Die Interstate 40 bringt uns durch die weiten Ebenen der mittleren USA. Auf die alte Route 66, die zum großen Teil hier entlang ging, weisen nur noch ein paar Wirtshauswerbungen hin oder ab und zu ein Schild mit der Aufschrift Historic Site. Zum ersten Mal sehen wir beide die berühmten Baumwollfelder. Weiß bis an den Horizont. Das Wetter meinte es auf diesem Abschnitt nicht gut mit uns, aber dennoch waren wir beeindruckt von der Größe dieses Flusses. Dann ging es hinüber nach Arkansas, wo Jörg gar nichts mehr verstand und Marjorie auch als native speaker English so ihre Mühe hatte. Aber melodisch klingt dieses Englisch ohne Zweifel! Die Landschaft begann sich westlich Little Rock immer mehr zu ändern. Seit Tagen sind wir auf der Interstate 40 unterwegs, der alten Route 66. Der Kompass zeigt fast imer genau West. Der Höhenmesser steigt leicht aber ständig. Die Vegetation wird spärlicher. Beim Durchqueren von Oklahoma haben wir dann auch noch ein paar Eindrücke von den Great Plains mitbekommen. Eine flache Landschaft, die sich bis zur Kanadischen Grenze hochzieht. Endlose Weite, unterbrochen von ein paar Ölpumpen und ab und zu ein verlassenes Farmhaus. Wir erreichen Amarillo, Texas. Das Thermometer fällt Nachts auf -7 Grad. Also fahren wir noch weiter nach Süden, genauer in die südöstlichste Ecke New Mexikos, nach Carlsbad.

Er tötete zwei Deputies und brach aus dem Gefängnis aus. Und heute ist er weltberühmt. Billy the Kid, der Outlaw. Nach ihm wurde diese Landschaft hier im Südosten von New Mexico benannt. Der Blick schweift endlos. Ein weiter offener Raum. Big Sky Country. Irgendwie bekommt man ein anderes Gefühl von unserer Erde. Und hier kann man sogar unter die Erde gehen, ohne das dieses Gefühl der Erhabenheit verloren geht. Die Carlsbad Caverns gehören zu den gewaltigsten Höhlen der Erde. Nur etwa 3 der insgesamt 20 Meilen dieser Höhle sind für die öffentlichkeit zugänglich. Die Mehrzahl der Touristen beschränkt sich auf einen Höhlenraum, The Big Room. Wir sind über den natürlichen Höhleneingang gegangen. Die Strecke vom Höhleneingang bis zum Big Room beträgt eine Meile (1,6 km). Zuerst geht es über Serpentinen 70 Meter steil in die Tiefe bis zur Bat Cave, der Fledermaushöhle. Die Fledermäuse waren aber vor ein paar Taagen gerade nach Mexiko aufgebrochen. Aber in Sommermonaten leben hier mehrere hunderttausend Fledermäuse.Ab der Bat Cave verläuft der Weg wesentlich flacher und man trifft auf die ersten Tropfsteinformationen. Erst in einer Tiefe von 230 Metern erreicht man den Eingang zum Big Room. Der Fahrstuhl hat uns dann wieder nach oben gebracht.

Nicht so bekannt ist der Sitting Bull Waterfall im Lincoln National Forest. Man erreicht ihn über die Dark Canyon Road. Der Besucher ist überrascht in ein solch trockenen, wüstenartigen Landschaft plötzlich einen so schönen Wasserfall zu sehen. Auf 1400m kommt das Wasser von irgendwo aus den Felsen und stürzt sich dann hier 150m in die Tiefe. Nicht spektakulär, aber schön. Dass es in dieser karken Landschaft auch noch Rancher gibt, will uns nicht in den Kopf. Wir sehen zwar keine Menschen, aber immer wieder ein paar Rinder und ab und zu ein verrostetes Tor. Und was sich auf den Straßen so alles bewegt, das würde der deutsche TüV wahrscheinlich nicht alles genehmigen. Im Sommer steigt hier die Temperatur weit über 40 Grad. Jetzt im November haben wir etwas über 20 Grad am Tag und 7 – 9 Grad in der Nacht. Für die amerikanischen Snowbirds und auch die europäischen Nordländer ist dies sicher die beste Zeit des Jahres hier. Wenn nur die Tage etwas länger wären! Um 5 Uhr geht die Sonne unter und dann wird es ganz schnell dunkel.

Von unserem netten Campingplatz in Carlsbad aus haben wir auch in einer Tagestour die Guadalupe Mountains besucht. Sie bilden die nördliche Grenze der Chihuahua-Wüste, die bis weit nach Mexiko hineinreicht. Politisch gehören die Berge schon zu Texas. Das Bild links bedarf einer Erklärung: Von der Stelle, wo ihr unser Auto seht, sind es noch etwa 30 Kilometer bis zum El Capitan auf der linken Seite im Bild. Dieser fast 2700 Meter hohe Monolith ist bereits aus einer Entfernung von 50 Meilen zu erkennen. Wir sind bei wunderbarem Wetter auf einem schönen Trail durch den McKittrick Canyon gelaufen.Die Bilder geben einen kleinen Eindruck von dem Artenreichtum und der Farbenpracht. Die Vegetation der trockenen tiefen und mittleren Lagen des Parks besteht überwiegend aus Kakteen, Agaven, Yuccas und Sotol. Auf dem Talboden trifft man auch auf Schwarznuß, Nesselbaum, Eichen und Weiden. Im Bergland wachsen Wacholder, Kiefer und vereinzelt die Texas-Madrone, die uns mit ihrer glatten rötlichen Rinde besonders fasziniert hat.

Die schönste Tageszeit in White Sands ist der späte Nachmittag bis zum Sonnenuntergang. Dann zeichnet die flach stehende Sonne wunderschöne Strukturen in die weiße Landschaft. Der Kamera bieten sich tausend Motive und die unterschiedlichen Wellenformen wären eine extra Fotostudie wert.
Weißer Sand – ist eigentlich nicht die richtige Bezeichnung, denn hierbei handelt es sich um Gips. Es ist weltweit die größte Gipswüste mit ungefähr 700 qkm. Der Reiseführer belehrt uns: Aus den verwitterten Gipsschichten der umliegenden Berge wird der Gips durch den Regen herausgelöst und in den Lake Lucero geschwemmt. Da der See keinen Abfluß hat, verdunsten in den Sommermonaten große Wassermengen und legen weite Flächen des flachen Sees trocken. Die Gipskörnchen werden dann vom Wind zu Dünen angehäuft, die sich wiederum in einer ständigen Wanderbewegung befinden. Kein Wunder also, daß es nur wenigen Pflanzen gelingt hier Fuß zu fassen. Denn sie müssen sozusagen schneller wachsen, als die Dünen wandern.

Der City of Rocks State Park liegt kurz vor Silver City in einer Höhe von 1575 m. Bis zu 14 m hohe Monolithe ragen hier aus der Chihuahuan Desert. Vor zirka 15 Millionen Jahren wurden sie bei einem Vulkanausbruch hier ausgespuckt. Mortars oder auch Indian Wells heißen die zylinderförmigen Löcher, die man an verschiedenen Stellen im Fels sieht. Hier haben die Indianer ihr Getreide gemahlen.

Die beiden Bilder zeigen die Kupfererzförderung im Tagebau. Ein ganzer Berg wird hier abgetragen. Wir sind auf dem Weg zu den Gila Cliff Dwellings. Der State Highway 15 führt sehr kurvenreich in diese Bergwelt mit Höhen um 2000 m. Entlang der Straße gibt es einige schöne Aussichtspunkte. Die Cliff Dwellings sind Felswohnungen, die allerdings nur vom Ende des 13. bis Anfang des 14. Jahrhunderts bewohnt waren. Hier lebten nicht mehr als 10 bis 15 Familien. Zeitgleich mit den Gila Cliff Dwellings wurden viele andere Pueblo-Siedlungen in dieser Region verlassen. Bis heute ist der Grund nicht eindeutig geklärt. Auf dem Weg zurück zu unseren Campingplatz in Silver City machten wir halt in Pinos Altos, genauer im Buckhorn Saloon and Opera House. Hier fand Jörg einen Partner an der Bar. Offenes Feuer, Country Musik, die Wände voll mit den verschiedensten Gegenständen und ein ganz hervorragendes Essen. Für ein paar Stunden hatten wir das sichere Gefühl, daß wir im Wilden Westen angekommen waren. Über die San Francisco Range und die White Mountain Range ging es dann weiter Richtung Arizona Nord. In Springerville waren wir erstaunt, wie sauber und gepflegt alles ausschaute. Und eigentlich wollten wir nur einen Kaffee trinken. Aber dann mußten wir natürlich herausfinden, wieso uns dabei John Wayne über die Schulter schaute. (Er hatte hier seine Ranch.) Und schließlich blieb Marjorie auch noch in einem Buchladen hängen, weil sie von der Besitzerin und der zufällig anwesenden Fotografin und Künstlerin des Ortes in ein interessantes Gespräch verwickelt wurde. In Tucson haben wir dann noch das Hollywood of the Desert besucht, die Old Tucson Studios. Neben John Wayne, der hier viele Filme gedreht hat, haben auch Bing Crosby und Ingrid Bergman (The Bells of St. Mary’s), sowie Ronald Reagan und Audrey Hepburn gefilmt.

Der Petrified Forest ist unser erstes Highlight in Arizona. In der nordöstlichen Ecke dieses Sonnenscheinstaates ist es ganz schön kalt. Am Lyman Lake hatten wir letzte Nacht -2 Grad. Der sich in Nord-Süd-Richtung erstreckende Petrified Forest Park besteht eigentlich aus zwei Teilen. Die Mitte und der Süden gehören zum eigentlichen Petrified Forest, was versteinerter Wald bedeutet. Wir haben mit unserem Besuch im Norden begonnen, wo die Painted Desert liegt, die gemalte Wüste. Aus dem welligen Gelände ragen einzelne oft kegelförmige oder runde Berge hervor. Die Farben sind violett, weiß, grau, rotbraun bis hin zu rosa. Dazwischen ein paar wenige Gräser oder kleine Büsche, die jetzt im November grau oder braun sind. Auf der 27 Meilen langen Parkstraße fahren wir in den südlichen Teil. Hier befinden sich die versteinerten Überreste eines urzeitlichen Waldes. Das versteinerte Holz entstand durch Silikateinlagerungen und hat über viele Millionen Jahre hinweg phantastische Farben entwickelt. Durch Erosion wurden die Stämme freigelegt und sind heute meist als Bruchstücke über große Flächen verteilt. Bis zu drei Meter messen die größten Stücke an der Basis. Kein Wunder, daß sich Jörg da vergeblich bemüht. Nachdem eine Eisenbahnlinie hier durch gebaut wurde, wurden ganze Baumstämme für die Edelsteinindustrie abtransportiert. Nicht zuletzt deshalb entstand dieser Nationalpark.

Im Saguaro National Park, westlich von Tucson, ist der Saguaro Cactus zu Hause. Er wird der König der Sonoran Desert genannt. Hier ein paar Daten, die wir uns im Visitor Center notiert haben. Die Pflanze kann bis zu 200 Jahre alt werden, wächst am Anfang aber extrem langsam. Nach 15 Jahren ist sie noch nicht größer als 30 cm. Die ersten Arme wachsen erst nach 75 Jahren. Die größten unter ihnen können bei einem einzigen Regenguß bis zu 800 Liter Wasser speichern. Das wiederum reicht dieser Pflanze für ein ganzes Jahr.

Auf einem Campingplatz in Marana nicht weit von Tucson gefällt es uns so sehr, daß wir schon fast wieder Wurzeln schlagen. Aber in Arizona gibt es viel zu sehen. Und so brechen wir wieder auf, und zwar Richtung Westen zum Organ Pipe Cactus National Monument in der Sonoran Desert.
Zunächst machen wir in einem kleinen Bergbaustädtchen namens Ajo auf einem liebevoll gepflegten RV Park Station. Wir werden gleich zum Thanksgiving Dinner ins Clubhaus eingeladen. Dankend lehnen wir ab mit dem Argument, daß wir selbst nichts beisteuern könnten. Aber das lässt man nicht gelten. Zwei Stunden später sitzen wir in fröhlicher Runde zusammen. Der Truthahn und die verschiedenen Zutaten schmecken hervorragend. Die vielen Fragen beantworten wir zunächst dadurch, daß wir mit dem Finger auf unseren vollen Mund zeigen. Und stellt euch vor – beim Nachtisch muß Jörg passen! Beim Abschied gibt es dann von der Wirtin noch eine herzliche Umarmung mit den besten Wünschen für die Weiterfahrt. Auch das ist Amerika!
Der Organ Pipe Cactus unterscheidet sich etwas vom Saguaro Cactus. Wie Orgelpfeifen stehen seine Triebe nebeneinander, wodurch er ja auch seinen Namen erhielt. Auf den flachen Hängen voller Sand und Kies wächst eine große Anzahl ganz unterschiedlicher Kakteen: Organ Pipe, Saguaro, Prickly Pear, Cholla.

Auf dem Weg nach Norden kommen wir durch Sedona. Mit seinen bizarren roten Felsformationen diente es als Kulisse für viele Filme. Wir schauen uns hier ein paar Privathäuser an und versuchen zu schätzen, was sie wohl kosten. Ein hübsches, sehr gepflegtes Städtchen mit vielen, vielen Touristen. Und deshalb fahren wir recht bald weiter. Auf der 89A geht es nach Norden durch den Oak Creek Canyon unserem letzten großen Ziel für dieses Jahr entgegen.

Das Highlight von Arizona ist der Grand Canyon. Auf den Nummernschilder der Autos steht Grand Canyon State. Und er bildet auch den Abschluß unserer Reise durch die USA. Zum dritten Mal in unserem Leben stehen wir jetzt hier an dieser gewaltigen Erdspalte und sind wieder tief beeindruckt. 1600 Meter weiter unten fließt der Colorado. Ein Gebirge, das sozusagen in die Tiefe geht. All diese Felsformationen kann man nur schwer mit der Kamera einfangen. Die gewaltigen Ausmaße nicht und schon gar nicht diese Farbenpracht, welche die tief stehende Abendsonne auf das Gestein zaubert. Und so stehen wir einfach nur da und können nicht aufhören zu schauen. Kein Mensch ist mehr zu sehen. Wir sind allein am Desert View Point, South Rim, Grand Canyon. Und das ist eigentlich das größte Wunder an diesem späten Novemberabend.

Zu den Bildern: 03 Arizona – New Mexico

Im Süden von Utah

Bizarre Felsformationen und tiefe Canyons

April / Mai 2007

Der Südosten von Utah gehört für uns zu den schönsten Gebieten dieser Erde. Ein Glück für die Menschheit, dass es hier so viele Parks gibt. Einer schöner als der andere. Der gewaltige Colorado hat dieser Landschaft seinen Stempel aufgedrückt. Dramatische Canyons, bizarre Felsformationen – wohin immer man schaut, wohin immer man geht. Ein Paradies für Outdoor Activities aller Art. Wir haben unser “Basislager” in Moab aufgeschlagen. Gleich am zweiten Tag nehmen wir den Shafer Trail unter die Räder. Jörg behauptet, sogar der Landcruiser hätte Spaß. Das findet Marjorie ziemlich übertrieben, aber die schöne Landschaft genießt sie auch sehr. Nur das Wetter könnte besser sein.

Heute regnet es den ganzen Tag, aber das macht uns nichts aus. Fast den ganzen Tag sitzen wir in einem gemütlichen, sehr europäisch anmutenden Café. Wir studieren Reiseführer und Landkarten. Auch der nächste Bericht für die Homepage will gemacht sein. Es ist ein besonderer Schlag von Menschen, die man hier in Moab antrifft. Zum ersten Mal in der USA erleben wir es, dass eine Gruppe junger Leute nicht nur unser Auto erkennt, sondern sogar technische Detaills nennen kann. Die jungen Leute vom Landcruiser Club sind restlos begeistert von unserem Fahrzeug. Klar dass die Männer mehr unter die Motorhaube schauen und die Frauen mehr den Innenraum bestaunen. Wir kommen mit den Antworten kaum nach. Dear Johnny and Angel – it was so nice to meet you! Für Landcruiser Fans hier die Homepage von Johnny: www.wildyoats.com.

Neben dem Grand Canyon hat uns am meisten der Arches National Park beeindruckt. Die Vielfalt der Felsformationen ist einfach unglaublich. Manche haben Namen. Da gibt es die drei Tratschtanten (Three Gossips) und den balancierenden Felsen (Balanced Rock) und den delikaten Bogen (Delicate Arch) und den Zschocke Bogen, und, und …

Wem es in Moab zu touristisch ist, der fährt auf der 191 nach Süden und biegt dann vor Monticello auf der 211 nach Westen ab. Diese Straße endet im Canyonlands National Park. Da der Campingplatz im Park belegt ist, übernachten wir im Needles Outpost. Hier gefällt es uns so gut, daß wir ein paar Tage bleiben. Die Landschaft ist einsam und überwältigend schön. So klar haben wir die Sterne noch nie gesehen. Und der Mond war noch nie so nah. Danke Tracey und Gary! Am besten war euer Breakfast! Needles Outpost

Unsere letzte Station war Bryce Canyon. Auf vielen Wanderungen haben wir versucht, diese einmalige Komposition von Farbe und Form in unser Gehirn aufzunehmen. All diese Eindrücke aufs Bild zu bannen, war schwerer. Aber seht selbst.

Zu den Bildern: 04 Im Süden von Utah

Von Mexicali nach La Paz

Ein Bilderbuch von großen Steinen, Pelikanen und...

Februar / März 2007

Calexico, USA. Es ist Freitag, 12. Februar 2007, kurz vor Mittag. Die Sonne brennt von einem wolkenlosen Himmel. 300 Meter vor der mexikanischen Grenze ein Schild: “Last chance to return to the USA” Dann nur noch Beton und Stacheldraht. Und was mach ich jetzt mit dem weißen Zettel, den mir der US-Officer an der kanadischen Grenze in die Hand gedrückt hat? Muß ich den hier nicht irgendwo abgeben? Also zurück. In der nächsten Sekunde quietschen bei unserem Landcruiser mit seinen knapp 4 Tonnen zum ersten Mal (ehrlich!) die Reifen. Durch enge Gassen quetschen wir uns zum Immigation-Büro. Ein dichter Strom von Menschen kommt mir aus einer ständig geöffneten Tür entgegen. Irgendwie ist das hier die verkehrte Richtung! Aber der Beamte hinter der Glaswand ist freundlich. Mein Zettel sei ja noch ne ganze Weile gültig. Also nichts wie weg und endlich rüber nach Mexiko! Meine feuchten Hände umklammern entschlossen das Lenkrad, Reisepässe, Führerschein, internationale Fahrzeugzulassung liegen griffbereit in der Mittelkonsole. 100 US$ haben wir auf amerikanischer Seite noch in mexikanische Pesos gewechselt. Ein paar hundert US$ in kleinen Scheinen liegen gut versteckt im Fahrzeug. Dichter Verkehr auf der Gegenfahrbahn. Wir hingegen haben drei Spuren für uns allein. Am geöffneten Schlagbaum lehnen gelangweilt zwei Grenzbeamte in scharf gebügelten Hemden. Ein kurzer Blick zu uns. Eine lässige Bewegung des linken Unterarms von dem kleinen Dicken mit dem Schnauzbart, die wir beide als “Adelante” deuten, also “Weiterfahren”. Wirklich? Kein Anhalten und Papiere zeigen? Zögerlich rollen wir weiter und weiter und weiter und enden schließlich mitten im Ort. Irgend etwas lief jetzt gerade völlig daneben. Wir haben uns auf eine langwierige Einreiseprozedur vorbereitet und jetzt stehen wir hier auf mexikanischem Boden und mussten nicht einmal unsere Pässe vorzeigen? Das kann’s nicht gewesen sein. Weil wir nicht nur auf die Baja California wollen, sondern auch auf das Festland, wollen wir den Papierkram schon hier in Mexicali erledigen. Wir wenden und fahren zurück zur Grenze. Das flache Gebäude für die Einreiseformalitäten haben wir glatt übersehen. Die Einreisepapiere für uns beide sind schnell ausgestellt. Ein halbes Jahr dürfen wir uns in Mexiko aufhalten. Für das Fahrzeugpermit müssen wir leider zu einem anderen Grenzübergang in der Nähe, wo auch die großen Trucks rüberfahren.

Doch bevor wir uns dorthin auf den Weg machen, wollen wir schnell noch Geld abheben. Und in dem Moment nimmt der Schrecken seinen Lauf. Es ist, als wären wir in einen falschen Film geraten. Bei der ersten Bank nimmt der Automat die Karte nicht und der Bankbeamte versteht kein Englisch und empfiehlt Marjie, die eigene Bank zu kontaktieren. Die ATM-Maschine der nächsten Bank ist “out of order”. Macht nichts. Auf so was sind wir voll eingestellt. Und eine Straße weiter steht ja auch schon die nächste Bank – ein neues repräsentatives Gebäude mit einem schwerbewaffneten Polizisten davor. Voller Hoffnung lassen wir uns durch die große Schwingtür gleiten. Und da stehen ja gleich ein paar von diesen Dukateneseln. Energisch schiebt Marjie ihre Karte in den Schlitz. Und – nichts tut sich. Gar nichts. Es kommt kein Geld und keine Karte. Nicht mal eine Meldung. Noch bleiben wir ganz gelassen. Denn von so was haben wir mehr als einmal in diversen Reiseberichten gelesen. Cool bleiben heißt jetzt das erste Rezept. Und da ist ja auch schon ein freundlicher Bankangestellter, der etwas Englisch kann. Das ist schon mal beruhigend, denn mit unserem Spanisch ist es wirklich noch nicht weit her. Doch sogleich geht’s mit den Gefühlen wieder ab in den Keller. 24 Stunden müssten wir leider auf die Karte warten. Das hilflose Lächeln auf Marjies Gesicht bezaubert ihn offensichtlich so, dass er die Zeitspanne flugs auf zirka eine Stunde reduziert. Also warten wir. Das komische Gefühl im Bauch wird stärker und es sind keine Flugzeuge! Endlich kommt er zurück. Mit einer tiefen Sorgenfalte auf der Stirn verkündigt er uns, dass die Maschine die Karte leider zerstört hätte. Tröstend fügt er hinzu, dass würde aus Sicherheitsgründen überall so in Mexiko gehandhabt. Seine Bank könne leider nichts mehr für uns tun. Wir sollen unsere Bank benachrichtigen, und die solle uns einfach eine neue Karte schicken. Spricht’s und verschwindet. Da unsere Coolness rapide schwindet, kommt jetzt das zweite Rezept zum Tragen. Es lautet: Im Problemfall immer zum Chef gehen. Also bewegen wir uns auf den Glaskasten da in der Mitte zu. Und -oh Freude- da sehen wir ja unseren Betreuer wieder. Die Herren diskutieren heftig. Der Chef abwechselnd mit drei Telefonen am Ohr. 15 Minuten lang wagen wir nicht zu stören. Dann kommt Bewegung auf. Der Chef lächelt. Unser Betreuer bewegt sich auf uns zu, natürlich lächelnd. Mit gewichtiger Miene verkündigt er, dass wir heute großes Glück hätten. Die Sattelitenverbindung zu den ATM-Maschinen sei gestört. Und deshalb hätte die Maschine keine Zeit gehabt, Marjies Karte zu zerstören. In ein paar Minuten würde sie die Karte zurückbekommen. Kürzen wir ab. Nach zwei Stunden und 10 Minuten hält Marjie ihre Karte wieder in der Hand. Geld haben wir immer noch keins. Schließlich sind die Automaten ja alle defekt. Ein Happy End? Ja klar doch. Nur 10 Minuten und wir finden die vierte Bank. Und … Nein keine Angst – hier ist die Geschichte zu Ende. Denn hier klappt’s. Erleichtert zählen wir die Pesos gleich dreimal durch.

Ein Stopschild in Mexiko hat ohne Zweifel ähnlichkeit mit einem Stopschild in Deutschland, nur dass eben ALTO drauf steht. Es gibt aber einige Besonderheiten. Zunächst einmal sind die Schilder von unterschiedlicher technischer Qualität. Dann sind sie oft sehr raffiniert montiert, in unterschiedlicher Höhe, in unterschiedlichem Abstand zur Straße, seitlich gedreht oder pittoresk von einem Busch eingerahmt. Was diese Schilder aber zu einer echten Besonderheit macht, ist ihr Standort. Völlig unerwartet tauchen sie auf und verschaffen einer Staubpiste zur Priorität über einen schönen breiten Highway. In Jörgs Fall ist das aber alles keine Entschuldigung. Die große Ausfallstraße von Mexicali hat 6 Spuren, drei in jeder Richtung. Jörg fährt auf der mittleren Spur. Nun endlich die ersehnten Pesos in der Tasche zu haben, beflügelt ihn. Die beiden Lieferwagen rechts und links bieten Flankenschutz. Und so fährt und stoppt er auf Mexikanisch – an jeder Kreuzung. Die Kreuzungen haben alle Stopschilder und es kommen viele Kreuzungen. Er ist so damit beschäftigt, flüssig im Verkehr mitzuschwimmen, dass er die Policia erst wahrnimmt, als er von ohrenbetäubenden Sirenengeheul und Lichtblitzen förmlich eingedeckt wird. Also rechts ranfahren und Scheibe runterdrehen. Ein junger Polizeibeamter erscheint an unserem Fenster (übergewichtig, schwitzend, mit Schnauzbart) und gibt uns lässig zu verstehen, dass ich zu schnell gefahren bin und zwei Stopschilder hintereinander überfahren habe. Und was ist mit den einhundert Autos, die mich auf dem letzten Kilometer überholt haben? Ich fange an zu debattieren – zunächst auf Spanisch. Leider kann ich in dieser Sprache nur zwei Sätze. “Y no soy americano, soy aleman” und “Te quiero”. Letzteres wollte ich zu diesem Polizisten nun wirklich nicht sagen. Also schalte ich auf Deutsch um. Der ältere Beamte kommt näher. Der Jüngere redet beharrlich von Ticket. Ich rede von Fußball. (Jetzt staunen einige von euch, gell?!?) Ich zähle alle Namen auf, die mir zum deutschen Fussball einfallen (ja, ja – ich gebe zu, es waren nicht viele) . Ich rede und rede. Zum zweiten Mal beraten sich die beiden Herren. Jetzt wendet sich der Jüngere mit grimmigem Gesicht ab. Der ältere kommt noch näher und sagt mit freundlichen Grinsen “Adelante”. Das ist auch noch ein spanisches Wort, das ich kenne. Echt erleichtert gebe ich Gas.

Wir fahren schnurgerade nach Süden. 1300 km weit schiebt sich die Baja California in den Pazifik. Wie ein knochiger Finger hängt die Halbinsel am US-Bundesstaat California. Eine canyonzerfurchte Bergkette bildet gewissermaßen das Rückgrat für ein ausgetrocknetes Land, das an der breitesten Stelle nur 170 km misst. Höchster Berg ist der Picacho del Diablo (3096 m). Hier oben im Norden ist die Landschaft von großer Eintönigkeit. Wir fahren auf der Mex 5 immer weiter nach Süden. Jetzt Anfang Februar sieht man ein wenig Grün. Aber wir können uns gut vorstellen, wie die glühende Sommerhitze und das Meer diese Landschaft geformt und geprägt haben. Was wir uns vorher nicht vorstellen konnten, ist der Müll – genauer die Masse an Müll. Der Straßenrand ist eine einzige große Müllhalde. Bei San Felipe gelangen wir an den Golfo de California (Mar de Cortés). Die kalte, nährstoffreiche Tiefenströmung macht den Golf zum fischreichsten Gewässer Mexikos. Südlich von Puertecitos beginnt die von Jörg herbeigesehnte gravel road. Die Berge sind zerklüfteter, die Vegetation abwechslungsreicher. Yukkas, Agaven und vor allem Kakteen prägen das Landschaftsbild. Hunderte verschiedener Arten wachsen hier, am auffälligsten ist der Cardón, dessen gigantische Säulen es auf über 20 Meter Höhe bringen. Wegen der isolierten Lage haben sich viele Pflanzen halten können, die es nur hier noch gibt. Und immer wieder Bilderbuchbuchten. Wir stehen mit unserem Landcruiser ganz allein an der Bahia San Luis Gonzaga. Unter einer schattenspendenden Palapa (eine offene Hütte mit Palmwedeln gedeckt) rücken wir unsere Stühle zurecht, schenken uns ein Glas Rotwein ein, schneiden uns ein dickes Stück Käse ab und starren aufs kristallklare Wasser. Es ist wie ein Traum. Wir sind in unserem Traum angekommen.

Als wir uns umdrehen, sehen wir eine zerissene Bergkette, die uns den Horizont versperrt und eine glutrote Sonne, die im Untergehen diese Berge drohend auf uns zuschiebt. Der Wind wird stärker, die See rauer. Die Baja verändert ihr Gesicht. So schnell, dass wir mit unseren Emotionen kaum folgen können. Wir haben unsere Jacken geholt. Der Landcruiser bietet ein wenig Schutz gegen den Wind. Vor uns wirft die Nacht Dunkelheit über das Land. Kein Laut ist zu hören, nur das beständige Rollen des Meeres. Gebannt schauen wir nach oben. So haben wir die Sterne noch nie gesehen. Wir sind allein. Wir fühlen uns allein. Auch die Zeit hat jetzt ihr Gesicht verloren, ihre Bedeutung und ihre Minuten. Wir spüren, dass sich die Erde dreht. Und dieser Bewegung folgen wir bedenkenlos.

Nach einer stürmischen Nacht (wir mussten sogar unser Aufstelldach schließen!) und weiteren endlos scheinenden Kilometern auf übler Piste durch grandiose Landschaft erreichen wir die gut ausgebaute Mex 1. Hier biegen wir wieder nach Norden ab. Wir wollen in die Gegend um Cataviña. Dort ist die Landschaft mit seltsamen Felsformationen gesprenkelt. Ein Spielfeld für Riesen. Die Felsen sind rund und erreichen die Größe eines Hauses. Die seltsamsten Pflanzen (vorwiegend mit Stacheln) klammern sich in den seltsamsten Positionen an sie. Auch zwischen all diesen Steinen wachsen Pflanzen, ebenso skuril, nur größer. Der Cirio zum Beispiel ist das höchste Gewächs der Baja (bis 20 m). Diese Sukkulenten sind wasserspeichernde Pflanzen ohne äste, dafür mit kleinen Blättern, die wie Barthaare aus dem Stamm sprießen. Sie wachsen sehr langsam und können sehr, sehr alt werden. Oder der Torotes blanco alias Elefantenbaum wird drei bis vier Meter hoch und hat dünne, papierartige Rinde. Sein Stamm sieht aus wie ein Elefantenfuß. Nur nach Regenfällen bekommt er kleine Blätter. Wir übernachten bei “Rancho Santa Inez, Cataviña”. Und obwohl wir zum ersten Mal echt mexikanisch gegessen haben (Tacos, Machuca), läßt uns Montezuma in Ruhe schlafen.

An der Bahía de los Ángeles bleiben wir ein paar Tage. Wir lernen Gary kennen. Er ist 44 Jahre alt und kommt aus Idaho. Er war in Mozambique und jetzt lebt und fischt er für ein paar Monate hier an dieser großen, blauen Bucht mit diesen vielen, vielen Inseln. Begleitet wird er von einem großen schwarzen Hund namens Ozo Negro. Jürg bekommt seine erste Lektion im Fischen. Als wir am nächsten Tag aufs Meer fahren (Barracuda fischen, wie Gary sagt), haben wir aber kein Glück. Für uns ist die Fahrt in dem kleinen Fischerboot trotzdem ein Erlebnis. Den Delphinen zuzuschauen oder den Pelikanen beim Fischen oder einfach nur den Wolken hinterher schauhen, ist nicht das Glück selbst, aber der Stoff, aus dem es keimt. Wir drei wollen uns wieder treffen – in Deutschland, Idaho, Mozambique oder halt wieder auf der Baja.

Bei dem Namen Guerrero Negro denkt der Baja-Kenner an zwei Dinge: Wale beobachten und Salzgewinnung. Dieser trostlose Ort liegt direkt südlich des 28. Breitengrades, der die Halbinsel ziemlich genau in der Mitte in zwei Hälften teilt. Hier wird man von der Inspeción Sanitaria auf Früchte und Gemüse kontrolliert und muß über eine Sprühanlage fahren (Natürlich alles gebührenpflichtig). Anschließend sollte man dann gleich seine Uhr um eine Stunde vorstellen (auf dem Weg nach Süden), denn hier ist Zeitzonen-Wechsel. Wir fahren nach Westen an die Laguna Ojo de Liebre. Das ist das Kinderzimmer der Grauwale. Die relativ flache Lagune mit ihrem warmen Wasser bietet Schutz vor Kälte und erleichtert durch den hohen Salzgehalt das Schwimmen, Tauchen und Luftblasen für die Neugeborenen, die bei der Geburt immerhin schon 500 kg wiegen und fast 5 m lang sind. Es ist Mitte Februar. Wir sind zur richtigen Zeit am richtigen Ort und heute ist ein wunderbarer Tag. Kein Wind und eine spiegelglatte See. Das scheint auch den Walen zu behagen. Wir kommen mit dem Schauen kaum nach, geschweige denn mit dem Fotografieren. Als ein etwa 15 m langer Koloss direkt unter unserem kleinen Boot durchzieht, haben wir schon ein mulmiges Gefühl im Bauch. Kurz darauf können wir beobachten, wie eine Waldame am Nachbarboot sich auf die Seite legt, um sich kraulen zu lassen. Unglaublich. Wir haben echt das Gefühl, dass die Wale mit uns spielen wollen. In ein paar Wochen werden diese beindruckenden Tiere ihre 8000 km lange Reise entlang der nordamerikanischen Westküste bis in die Beringsee antreten. Seit vielen Millionen Jahren tun sie das schon so. Noch ein paar Daten aus dem Reiseführer: Walkühe sind 12 Monate trächtig, ernähren sich von Kleingetier und Seetang, Gewicht von max. 25-30 t, Alter bis zu 50 Jahre.

In der kleinen, üppigen Oase San Ignacio legen wir einen Zwischenstopp ein. Unter Dattelpalmen, direkt am verschwenderischen, klaren Wasser sitzend, verspeisen wir die feinen Enchaladas und genießen unseren letzten kolumbianischen Kaffee. Ojo de Agua, also Auge des Wassers, nennen die Einheimischen den unterirdischen Fluss, hier wo er an die Oberfläche tritt. Das Städtchen, eine einstige Jesuitenmission, ist von sympathischer Beschaulichkeit. Die alte Missionskirche an der Plaza ist gut erhalten. Die Häuser drum herum sind malerisch und gepflegt. Doch heute drücken wir ein wenig aufs Tempo. Von der Straße aus machen wir noch ein Bild vom Volcan de tres Virgines (fast 2000m hoch). In Santa Rosalía schauen wir uns noch die Kirche an, die uns nicht sehr beeindruckt. Aber immerhin hat A.G. Eifel für dies Kirche einen Preis bekommen. Besser bekannt ist dieser Herr als der Erbauer des Eifelturms. Bemerkenswert ist noch, dass dieses Gebäude in Frankreich vorfabriziert und ums Kap Horn herum hierher verschifft wurde.

Für viele ist die Bahía Concepción die schönste Küstenlinie auf der Baja und die Playa Escondida die schönste Bucht. Sie ist zweifellos die einsamste, weil sie nicht ganz einfach zu erreichen ist. Und genau deshalb sind wir hier für ein paar Tage sesshaft geworden. In Mulegé haben wir Großeinkauf gemacht und die Wassertanks bis zum Anschlag gefüllt. Wir freuen uns, dass noch eine Palapa frei ist, denn der Orkan vom September 2006 hat viele zerstört oder beschädigt. Den Landcruiser plazieren wir so, dass die Solarkollektoren genau nach Süden zeigen. So können wir jeden zweiten Tag unsere 1000 Watt Elektroplatte zum Kochen benutzen. So ist unsere kleine Propangasflasche, die nur 3 kg fasst und die wir in Halifax gefüllt haben, immer noch nicht leer. Am schönsten aber ist das Gefühl, nur von der Sonne abhängig zu sein. Und die scheint hier auf der Baja California so gut wie immer. (Da wir immer wieder nach unserer Energieversorgung gefragt werden, haben wir unter der Rubrik Technik ein paar Informationen zusammengestellt.) So verbringen wir an kristallklarem Wasser sehr entspannte Tage. Wir machen lange Spaziergänge am Strand entlang, wir dösen Stunde um Stunde unter unserer Palapa. Wir schauen den Pelikanen beim Fischen zu und den frechen Möwen, die ihnen den Fang abjagen wollen. Pünktlich um 7 Uhr morgens werden wir von einem sehr markanten Ton aus einem großen Horn geweckt. Das ist der Wassermann, der da über den kleinen Pass kommt. Auch ein paar andere Händler kommen mit abenteuerlichen Gefährten und bieten Obst und Gemüse oder frischen Fisch an. Von zwei netten Amerikanern aus Oregon bekommen wir die Kajaks angeboten. Und so können wir diese Inselwelt auch auf dem Wasser erkunden. (Herzlichen Dank, Jane und Mark!) Und fast jeden Abend gibt es bei den beiden Kanadiern Marge und Don unter einem großen Felsvorsprung ein zünftiges Lagerfeuer. überrascht und erfreut sind wir über die Einladung zu Don’s 75ten Geburtstag. (Auch an euch beide ein dickes Dankeschön, war ne Klasse Feier!) erwähnt werden muss hier unbedingt noch Jens aus San Diego. Er hat hier einen Hot Spot aufgebaut, so dass der ganze Strand im Internet surfen kann. Die technische Ausrüstung von Jens ist beeindruckend (eine große Satellitenschüssel, Router, Modems, mehrere große Solarpanele, große Batterien). Am beeindruckendsten aber ist die Unmenge an Leitungen und der Umstand, wie sich Jens in diesem Kabelsalat überhaupt zurecht findet. Als ich ihn daraufhin anspreche, antwortet er doch tatsächlich mit stolz geschwellter Brust, er sei ja schließlich in Deutschland geboren. Mit einem Jahr sei er zwar nach USA ausgewandert, aber Zitat: “so etwas verliert man nicht”.

Bill Bryson ist auf dieser Reise Jörgs Lieblingsautor geworden (“Streiflichter aus Amerika” unbedingt lesen!). Jörg hat mit dem Gedanken gespielt, Bill Bryson anzumailen und ihn zu bitten, doch mal einen Artikel über Klohäus’chen zu schreiben. Das würde sicher ein Erfolg. Wir haben hier nur ein paar Bilder für euch zusammengestellt.

Juan Salvatierra, ein Franziskaner, gründete im Jahre 1697 mit Loreto die erste ständige Siedlung auf der Baja California. Später wurde Loreto sogar Hauptstadt. Ein Hurrikan und ein Erdbeben zerstörten es 1829. Heute ist Loreto ein beschauliches kleines Städtchen, in dem wir uns wohl gefühlt haben.

Am südlichen Ende der Baja ist der netteste Ort ganz ohne Zweifel Todos Santos. Der Ort hat Charme und der Touristenbetrieb hält sich in Grenzen. Die Anregung von Jörg, im Hotel California zu nächtigen, quittierte Marjorie kurz und bündig mit der Bemerkung “Du spinnst!”.

Die beiden linken Bilder demonstrieren, wie hier in wenigen Jahren alles aussehen wird. Das linke Bild zeigt Cabos San Lukas am südlichsten Punkt der Baja California. Wir schreiben an dieser Stelle über diesen Ort nur, dass wir sehr schnell durchgefahren sind. Das rechte Bild zeigt den Küstenanteil einer gewaltigen Hotelanlage, erreichbar über eine nagelneue Schnellstraße, mit Anbindung an den nahen Flughafen – versteht sich! Die anderen Bilder zeigen eine Bucht, die wir nach zweistündiger Fahrt über eine Wellblechpiste erreicht haben. Wir haben hier ein paar sehr entspannte Tage verbracht, den Fischern bei der Arbeit zugeschaut und ganz liebe Leute kennen gelernt.

Die restlichen drei Wochen, die wir auf dieser Halbinsel verbringen, bestehen aus harter Arbeit. Bei Marc in der Schule, im Centrale de Idiomas in La Paz lernen wir Spanisch. Na ja, tierisch ernst nehmen wir es nicht. Aber die Sprache klingt jetzt ein wenig vertrauter für uns. Und wenn man versucht, mit den Mexikanern ein Gespräch auf Spanisch anzufangen, freuen sie sich wirklich. Die Crux ist nur, dass sie dann noch schneller reden. An der Schule lernen wir interessante Leute kennen. Rahel, Jörg und Jeff sind mit dem Fahrrad von Nord nach Süd auf dem amerikanischen Kontinent unterwegs. Fast jeden Tag essen wir zu Mittag in einer dieser zahllosen kleinen Straßenrestaurants. Bohnenmus, Reis und eine gutgewürzte Salsa (Chilisoße) haben wir fast täglich auf dem Teller, dazu mal Enchiladas (zusammengerollte Tortillas), mal Quesadillas (zugeklappte Tortillas) und natürlich Tacos (belegte Tortillas) mit diversen Belägen bzw. Füllungen. Doch – es gefällt uns in La Paz. Wir denken, dass wir wiederkommen.

Zu den Bildern: 05 Auf der Bacha California

Sinaloa - Sonora - Chihuahua

Mit dem Zug durch den Barranca del Cobre

April 2007

Als die California Star, das große, moderne Fährschiff der Baja Ferries, in La Paz vom Ufer ablegt, überkommt uns leichte Wehmut. Es ist, als hätten wir auf der Baja California schon ein paar Wurzeln gefaßt. Wir sind uns einig, dass wir wiederkommen wollen. Die überfahrt ist ziemlich stürmisch. Marjorie geht es nicht so gut. Als sie aufs Deck geht wird es besser. Dort stehen schon Uta und Joachim. Sie fühlen sich auch bei diesem Wellengang sehr wohl. Na ja – wenn man aus Hamburg kommt! Uta und Joachim haben einen HZJ 78 mit Kabine. Gemeinsam wollen wir von El Fuerte aus durch den Barranca del Cobre bis nach Creel fahren. Später als gedacht kommen wir in Topolobampo, der kleinen Hafenstadt von Los Mochis an. Wie wir von anderen Travelern wissen, kann man im Hafengelände übernachten. Aber uns ist es hier zu laut, zu stinkig und viel zu bertriebsam. So fahren wir weiter nach Los Mochis und übernachten in relativer Ruhe an einer Pemex-Tankstelle.

Weil Joachim und Uta von einem mexikanischen Pick-up gerammt werden, kommt alles ganz anders als geplant. Ein mexikanischer Arzt, der an dieser Straße wohnt, hilft ihnen alles zu regeln. Bald ist der kleine Schaden behoben. Aber der Arzt kümmert sich weiter um uns. Wir kommen aus dem Staunen nicht mehr raus. Er lädt uns in seine Familie zu einer Erfrischung ein. Gemeinsam mit ihm besprechen wir das weitere Vorgehen. Er rät uns dringend davon ab, durch den Canyon nach Urique zu fahren. Zu unsicher. Zu viele Banditos. So beschließen wir mit dem berühmten Zug El Chepe nach Creel zu fahren.

Mit dem El Chepe durch die Sierra Tatahumara zu fahren, ist eine der spektakulärsten Zugfahrten der Welt und ein ganz besonderes Erlebnis. Von der heißen, subtropischen Pazifikküste geht es 2400 m hinauf ins kühle Hochland von Chihuahua mit seinen endlosen Kiefernwäldern. Die Fahrt geht vorbei an bizarren Felsformationen. Der Blick schweift hinab in schwindelerregende Schluchten. Dabei ändert sich die Vegetation mit zunehmender Höhe. In El Divisadero hat man einen atemberaubenden Blick über diese großartige Canyonlandschaft.

Wir befinden uns im Gebiet der Tarahumara. Bis zuletzt hat sich dieser Volksstamm gegen die koloniale Unterwerfung gewehrt. Es sind friedfertige, zurückhaltende Menschen, die auch heute noch im Einklang mit der Natur leben. Im Sommer hoch oben in den kühlen Bergen, im Winter in den wärmeren Tallagen. Neben ihrer wundeschönen Handarbeit sind sie bekannt für ihre Ausdauer beim Laufen.

Nicht nur die Menschen beeindrucken uns – auch diese karke Landschaft, in der diese Menschen leben. Bizarre Steinformationen, glasklare Seen und immer wieder kleine, schmucke Kirchen.

In dem hübschen kleinen Städtchen El Fuerte gönnen wir uns im Hotel Posada del Hidalgo noch ein paar entspannte Tage. Hier ist Zorro geboren und aufgewachsen. Wir lauschen mexikanischer Musik, stöbern durch den kleinen, aber putzigen Stadtpark und erfreuen uns an den tradidionellen Tänzen, die hier in der Osterzeit dargeboten werden.

Zu den Bildern: 06 Der Nordwesten

Vom Pazifik in's Hochland von Mexiko

Von klarem Tequila und hellen Sternen

Oktober 2007 - Januar 2008

Nach ein paar schönen Sommermonaten zu Hause in Deutschland fliegen wir Anfang Oktober zurück in’s herbstliche Kanada. Jörg ist überglücklich, als er sein Baby wiedersieht. So nennt Marjie den Landcruiser. Außerdem erzählt sie selbst großglotzigen Amerikanern, dass ihre drei Babys inzwischen Geld verdienen würden. Aber Jörgs Baby würde immer noch ein Haufen Geld kosten. Gemein – gell?! Halloween ist eine neue Erfahrung für Opa. Aber Anna erklärt alles ganz genau. Zunächst mißversteht Opa das ganze als einen schlecht kaschierten Auftrag, das Herbstlaub im Garten zusammenzufegen. Doch dann wird alles in Plastikbeutel gestopft und die Beutel mit lustigen Gesichtern bemahlt. Natürlich muß dann noch für die Kamera posiert werden. Der kleine Ro ist sichtlich beeindruckt von unserem “showing off”. Vor dem Haus werden zwei Wächter aufgestellt, die dem Besucher den Weg weisen. Am eigentlichen Halloween-Abend geht man verkleidet von Haus zu Haus und bekommt dann alle möglichen Süßigkeiten.

Nachdem Mark ein wenig vorwurfsvoll angefragt hat, ob er denn erst Enkelkinder präsentieren müsse, bevor wir uns mal wieder bei ihm blicken lassen würden, entscheiden wir uns kurzerhand, nach Toronto zu fliegen. Es werden ein paar entspannte Tage im herbstlichen Ontario. Wir haben eine nette kleine, irische Pension erwischt. Waterloo gefällt uns. Der europäische Einfluß ist unverkennbar. Wir genießen das Zusammensein mit Heather und Mark.

Winter in Kanada. Für einen Deutschen klingt das ziemlich romantisch. Ist es auch, wenn man nicht arbeiten muß, sehr warm angezogen ist und nach zwei Monaten wieder abfliegt. Das blendende Weiss des Schnees, ein stahlblauer Himmel darüber und eine tief stehende Sonne – so erleben wir Winter in Kanada. Es ist tatsächlich wunderschön, auf Langlaufskiern oder im Pferdeschlitten durch eine solche Landschaft zu ziehen. Weite offene Flaechen, tief verschneite Wälder, zugefrorene Seen und dahinter die gewaltigen Gipfel der Rocky Mountains – den ganzen Horizont entlang. Das ist einfach wunderschön. Das ist genau das, von was ich als junger Mensch immer geträumt habe. Aber es kommt eben auch vor, dass das Thermometer unter -30°C oder gar auf -40°C sinkt und ein eisiger Nordwind aus dem Yukon bläst. Dann siehst du deinen Partner nicht mehr, obwohl er nur zwei Meter vor dir geht. Das ist dann ganz und gar nicht mehr gemütlich, selbst wenn man gute Funktionskleidung hat. In der Nase beißt die Luft und die Brille klebt an den Wangen fest. Doch echte Kanadier (zumindest die im Westen) scheinen sich genau dann richtig wohl zu fühlen. Minus 5° nennt ein Kanadier ‘warm’. Bei Minus 10° haben wir Leute im T-Shirt zum Briefkasten gehen sehen. Auf einer Brücke gießen Bauarbeiter Beton in Holzformen. Es ist 11.00 Uhr vormittags und es hat Minus 20°. Worüber sich Kanadier wundern? Nun zum Beispiel darüber, dass wir keine Möglichkeit haben, unsere Auto-Batterie vorzuheizen. Aber unser Toyota Landcruiser hat bisher gut durchgehalten. Vor ein paar Wochen, auf einem Parkplatz in Edmonton hat mich ein Kanadier schon irgendwie getroffen (ohne Absicht natürlich). Ob wir bei Minus 30°C noch im Dachzelt schlafen, wollte er allen ernstes wissen. Was hab ich wohl geantwortet? – ‘Nein, tun wir nicht. Ich bin Deutscher.’ Die Kanadier sind einfach ein tolles Völk’chen – machmal etwas rau, aber immer höflich, erstaunlich geduldig und nicht selten richtig herzlich.
Als Jörg seinem Schwiegersohn erzählte, daß der Canadian Immigration Officer ihm “permanent residence” angeboten hat, wurde er doch etwas blaß um die Mundwinkel 🙂 Ansonsten haben wir uns sehr wohl gefühlt bei unserer Tochter und ihrer Familie. Granny und Opa haben ihre Rolle so richtig genossen! Drei Generationen für fast drei Monate unter einem Dach, ist heute nicht mehr selbstverständlich. Das wissen wir – und deshalb auch hier im Internet nochmals ein dickes Dankeschön an euch zwei, Christina und Raja.

Am 1. Januar des neuen Jahres brechen wir zu unser nächsten Reise auf. Zunächst auf dem kanadischen Highway Nr. 2 und dann auf der amerikanischen Interstate 15 geht es auf dem direktesten Weg nach Süden. Wir haben großes Glück – noch ist die Straße faßt schneefrei. In nur vier Tagen fahren wir 3000km. Wir sind auf der Flucht vor einem Strurmtief vom Pazifik her, dass in den nächsten Tagen den ganzen amerikanischen Westen mit einer geschlossenen Schneedecke überzieht. Schnee am Grand Canyon! Schnee auf den Orangenbäumen in Kalifornien! In Flagstaff hat uns der Schneesturm eingeholt. Hier treffen wir Fran und Allen. Sie sind nach Phoenix geflogen und haben sich dort ein Auto gemietet. Gemeinsam wollen wir für zwei Wochen durch das südliche Arizona tingeln. Aber schon aus dem ersten Plan wird nichts. Die Eisenbahnfahrt von Flagstaff an den Rand des Grand Canyons fällt wegen Schneesturm aus. Stattdessen “fliehen” wir durch dichtes Schneetreiben weiter nach Süden. In Tucson sieht Marjorie dann endlich ihre geliebten Kakteen wieder. Wie das Bild zeigt, können die sogar tanzen! Daß Jörg nicht so begeistert war, könnt ihr an seiner leicht spastischen Haltung erkennen.

Das südliche Arizona hat viel zu bieten. Reden wir zunächst mal über’s Wetter. (Fast) jeden Tag ist es warm, trocken und sonnig. Nur nachts kann die Temperatur manchmal unter den Gefrierpunkt sinken. Deshalb ist diese Gegend ein Refugium für Pensionäre aus den nördlichen Bundesstaaten der USA und für kanadische “Snowbirds”. So nennt man hier die Leute, die für drei bis fünf Monate dem Polarwinter im Norden entfliehen und in großen Camping-Gefährten auf den Frühling warten. Diese Fahrzeuge heißen RV (Recreational Vehicle) und haben zum Teil derartige Dimensionen, daß im Vergleich dazu ein deutscher Linienbus wie ein Spielzeug wirkt. Meist haben diese Ungeheuer noch einen PKW im Schlepptau.

Außer dem schönen Wetter locken aber auch viele Sehenswürdigkeiten. Einige davon schauen wir uns gemeinsam mit Fran und Allen an. Die San Francisco Mission wird gerade restauriert. Das Desert Museum ist ein rießiges Freiluftareal mitten im Saguaro Park. Hier hat man eine sehr gute Gelegenheit, die Pflanzen- und Tierwelt dieser wüstenartigen Landschaft zu studieren. Vom Kitt Peak aus bestaunen wir die Sterne. Mehrere Teleskope unterschiedlicher Größe “scannen” von hier aus den nächtlichen Himmel. Bevor wir Tucson verlassen, besuchen wir noch die Ted deGrazia Gallery. Eindrucksvoll, was der Künstler geschaffen hat und ebenso eindrucksvoll, wie es damals hier aussah. Zum Schluß unserer gemeinsamen Zeit fahren wir noch nach Tombstone. Wie die Bilder zeigen, haben sich Allen und Jörg von all den Gannoven aus dem 19ten Jahrhundert inspirieren lassen. Fran und Allen – es war eine sehr schöne Zeit mit euch!

Zum zweiten Mal in Mexiko! Bei Nogales überqueren wir die Grenze. Alles läuft reibungslos. Auf gut ausgebauter Straße erreichen wir am Abend den Golf von Kalifornien. Wie ein Jahr zuvor übernachten wir in San Carlos. Über Los Mochis geht es weiter nach Süden, immer am Pazifik entlang. Meist nehmen wir die gut ausgebaute, aber mautpflichtige Schnellstraße, um möglichst schnell in den Süden zu kommen. Culiacán und Mazatlan, die größte Hafenstadt an der mexikanischen Pazifikküste, lassen wir hinter uns. Wo die Straße nach Durango in’s Hochland abgeht, bestärken wir uns nochmals gegenseitig, diese Strecke diesmal nicht zu fahren. Der Weg nach Durango führt über eine sehr mahlerische, aber auch sehr anstrengende Straße von Meereshöhe auf 2500m. Das spektakulärste Teilstück heißt Espinazo del Diablo (des Teufels Wirbelsäule). Wir fahren weiter nach Süden und biegen bei Tepic in Richtung Guadalajara, der zweitgrößten Stadt Mexikos ab. Jörg schlägt vor, an einer Pemex-Tankstelle zu übernachten. Nur unwillig folgt er dem Vorschlag von Marjie, von der Hauptstraße weg eine schmale und kurvenreiche Straße in’s Landesinnere zu fahren. Aber schon nach einer guten halben Stunde landen wir in einem Paradies.

Die Laguna Santa Maria del Oro ist ein See in einem erloschenen Vulkan. Direkt am Ufer liegt ein kleiner Campingplatz. Das kleine Sanitärhäuschen bekommt von uns nicht die beste Note. Aber das wird von der phantastischen Natur um uns herum bei weitem ausgeglichen. Statt eine Nacht bleiben wir eine Woche. Die Kilometerfresserei hat endgültig ein Ende. Und das tollste hier ist die Tatsache, daß die Zufahrtstraße für die protzigen, amerikanischen RVs viel zu schmal ist. So campieren vor allem ein paar Kanadier um uns herum. Zum Beispiel Ben aus Ottawa, der mit 78 (!!!) Jahren jeden Winter bis hierher fährt und zirka 5 Monate in einem alten Wohnwagen verbringt. Er entpuppt sich als profunder Vogelkenner, nimmt uns auf seine Exkursionen mit und serviert uns den besten Capuccino zwischen Alaska und Feuerland. Die Farbenpracht und die Vielfalt der Vögel ist einfach großartig. Jeden Abend sitzen wir in kleinen Restaurants am See. Wir essen gut und scharf und billig. Auch der mexikanische Rotwein ist ganz vorzüglich. Und als über dem anderen Ufer die Sterne aufgehen, will Jörg nicht mehr weg. Ein deutsches Ehepaar lebt hier seit ein paar Jahren. Die haben ihm heute Nachmittag einen Floh in’s Ohr gesetzt.

Ein Glück für Jörg, daß er eine nüchtern denkende Frau hat. Und so geht es nach einer wunderschönen Woche weiter durch kleine und große Agavefelder nach Tequila, dem beschaulichen Städtchen mit dem weltberühmten Getränk. Die Führung durch die Tequila-Destillerie José Cuervo ist um 15 Uhr. Genügend Zeit, um an der Plaza bei einer Tasse Kaffe das bunte Getümmel zu beobachten. Cuervo ist die größte Destillerie in der Stadt. Die 22.000 Hektar Agavenfelder in eigenem Besitz decken gerade mal 80% des Agaven-Bedarfs. Der Rest wird zugekauft. Die Tour ist sehr informativ. Wir erfahren, daß Tequila ausschließlich aus den blauen Agaven gemacht wird, und zwar aus den Agavenherzen, nicht aus den Blättern. In eine Art Backofen wird das Agavenherz erst erhitzt, dann gepresst, der Saft wird fermentiert und anschließend zweimal destilliert. Zunächst erhält man so weißen Tequila. Dieser wird dann zwischen zwei Monaten und mehreren Jahren in Eichenfässern gelagert, deren Oberfläche innen leicht angebrannt wird. Auf diese Weise erhält der Tequila seine braune Färbung und wird weicher im Geschmack. Natürlich gibts nach jedem Produktionsschritt ein Gläschen zum Probieren. Zum Abschluß wird uns dann noch ein Glas Margarita serviert. Jörg lehnt dankend ab. Schließlich will er seine Frau heute noch heil nach Villa Corona bringen. Und das geht ja wohl nur, wenn er die Schlaglöcher nicht doppelt sieht.

Zu den Bildern: 07 Vom Pazifik Hochland

Über die Mex 15 zu den alten Kolonialstädten

Eine Million Schmetterlinge

Februar 2008

Die zweitgrößte Stadt Mexikos heißt Guadalajara. Soll ganz nett sein, aber wir mögen große Städte nicht und deshalb streifen wir nur die Vororte. Wir sind auf dem Weg nach Villa Corona, einem kleinen Städtchen zirka 80km weiter südwestlich. Hier gibt es keine Besonderheiten, außer einem ganz tollen Thermalbad, welches während der Woche fast leer ist. Jeden Morgen werden die Becken mit dem heißen, schwefelhaltigen Wasser neu gefüllt. Der aufsteigende Wasserdampf schafft eine geisterhafte Atmosphäre. Tausend Tröpfchen glitzern in den ersten Strahlen der Morgensonne. Da wird sogar Marjorie zum ‘early bird’ – zum Frühaufsteher. Inzwischen war Jörg in der nahen Bäckerei, wie sie manche von euch vielleicht noch aus Omas Tagen kennen. Natürlich hat er wieder viel zu viel Süßes gekauft. Marjie bevorzugt sowieso die vielerlei Früchte, die wir gemeinsam am Tag vorher vom Markt geholt haben. Kein Wunder, daß sich das Frühstück sehr lange hinzieht. Und kein Wunder, daß wir auch hier schon wieder eine Woche hängen bleiben.

Die Fahrt Richtung Osten weiter ins Hochland von Mexiko hinauf bringt viele Abwechslungen. Wir bestaunen prunkvolle Friedhöfe, wo Mexikaner ihre private Kapelle bauen ließen. Die Gegend, durch die wir hier fahren, ist vom Handwerk geprägt. Letztendlich ist das das Verdienst des Franziskaner-Mönchs Vasco de Quiroga. 1531 kam er in diese Gegend und versuchte ein wenig wieder gut zu machen, was die vielen Konquistadoren vor ihm in ihrer Gier nach Gold und Silber angerichtet hatten. Er schuf neue Indigena-Kommunen, um die Purépecha vor spanischer Ausbeutung zu schützen. Noch heute stellen diese künstlerisch und handwerklich vielseitig begabten Menschen viele kunsthandwerkliche Produkte wie Keramiken, Kupferarbeiten, Holzschnitzereien und Korbwaren her. So weist eine überdimensionale Gitarre am Ortseingang darauf hin, daß es hier viele Werkstätten für Streichinstrumente gibt, bei deren Herstellung man zuschauen kann und natürlich auch ein Instrument erstehen kann.
Auch das Herstellen von Ziegeln für den Häuserbau hat uns fasziniert. Der Lehm wird gründlich mit Wasser gemischt, indem ein Pferd ständig im Kreis herum getrieben wird. Die akurat gestochenen Ziegel werden an der Luft getrocknet und in großen Öfen gebrannt. Zirka 1000 Ziegel werden in solch einem Ofen aufgeschichtet mit genügend Abstand dazwischen, sodaß die heiße Luft gut zirkulieren kann. Auf der einen Seite des Ofens wird dann ein Holzfeuer entfacht, welches regelmäßig gefüttert werden muß. Nach 24 Stunden sind die Ziegel ausgehärtet. Die Holzbeschaffung ist übrigens ein ziemliches Problem. Mit Eseln und Maultieren wird das Brennmaterial zum Teil von weither herangeschleppt. Wenn man durch diese kahle, ausgetrocknete Landschaft fährt, verwundert das nicht.

Wir wären gern dabei gewesen, als sich im Februar 1943 plötzlich die Erde auftat und glühende Lava in die Luft geschleudert wurde. Aber noch nicht einmal Jörg war zu dieser Zeit schon auf der Welt. Und so stehen wir denn jetzt im Jahre 2008 in der Nähe des Taraskendorfes Angahuan auf einem Felsvorsprung und beobachten, wie die ersten Strahlen der Morgensonne über den Volcán Paricutín huschen. Wir versuchen uns vorzustellen, wie sich dieser gelb-rot glänzende Kegel mehrere hundert Meter immer höher getürmt hat. Dabei floß der dicke Lavabrei mit drei Meter pro Stunde relativ langsam zu Tal. Aber er floß stetig und so begrub er mit der Zeit das auf dem Talboden liegende Dorf mitsamt der Kirche. Erst 1952 kam die Erde wieder zur Ruhe. Der Turm und Teile des Kirchenschiffs ragen aus dieser kilometerweiten, schwarzen Lavamasse heraus. Von fern wie nah ein gespenstiger Anblick.

Geschlafen haben wir übrigens sehr gut die letzte Nacht – im Centro Turístico de Angahuan – nachdem alles ein wenig abenteuerlich begann. Angahuan ist ein ziemlich großes Taraskendorf (Tarasken ist der spanische Name für die Purépecha-Indianer). Und was unser Reiseführer zu sagen hatte, war nicht gerade beruhigend. Zitat: “Die Leute hier sehen keinen besonderen Grund, Touristen mit großer Freundlichkeit zu begegnen.” Die Indianer fühlen sich bezüglich der Entschädigungen nach der Katastrophe von den mexikanischen Behörden getäuscht. Ein anderer Reiseführer warnt, nicht mit größeren Campingfahrzeugen hierher zu kommen. Bis zum Dorf war dann auch kein Problem. Aber die 3 km durch das Dorf war dann schon eine kleine Herausforderung: Ein Graben quer über die Straße, der auf wackligen Bohlen bewältigt werden mußte. An einem großen LKW, der entladen wurde, vorbei zu kommen war Millimeterarbeit. Als dann auch noch mitten auf der Straße ein Feuer brannte, traten Jörg die Schweißperlen auf die Stirn. Kaum waren wir endlich durch’s Dorf durch, kamen Reiter hinter uns her. Reiter hinter uns, Reiter vor uns. Die rießige Staubwolke um uns herum erschwerte die Orientierung – real und symbolisch. Wir wußten nicht, ob wir noch richtig waren. Aber Marjie ließ sich nicht beirren. Und plötzlich war dann die Straße zu Ende. Links ging es in den Wald hinein. Da standen ein paar Hütten, aber nirgends war ein Campingfahrzeug zu sehen. Trotzdem, wir waren angekommen und wir waren die einzigen Camper hier. Ein unerklärlicher Singsang vom Dorf her hielt den ganzen Abend an und brach dann um 21:00 Uhr ab, um pünktlich morgens um 6:00 Uhr wieder einzusetzen. Der freundliche Chef des Touristenzentrums sprach etwas Spanisch und erklärte uns diese Art der Kommunikation. Die Purépecha bieten sich gegenseitig ihre Waren an oder tauschen Nachrichten aus. Selbst eine Liebeserklärung tönt auf diese Weise durch’s ganze Dorf. Jörgs spontane Begeisterung, das in Lörrach umsetzen zu wollen, entlockte Marjorie nicht mal ein müdes Grinsen.

Hier seht ihr ein paar Bilder von Pátzcuaro. Es ist ein nettes kleines Städtchen am gleichnamigen See. Es gibt ein paar schöne Gebäude, aber wir wollen euch Menschen zeigen. Wir wollen die Atmosphäre einfangen, wie man sie an einem Samstagmorgen an der Plaza Gertrudis Bocanegra genießen kann. Gertrudis Bocanegra ist eine Märtyrerin des mexikanischen Unabhängigkeitskrieges. 1818 wurde sie auf der Plaza Quiroga standrechtlich erschossen. Um ihre Statue in der Mitte des Platzes herrscht heute ein unglaubliches Treiben. Wir sitzen in einem kleinen Café am Rande des Platzes, genießen unseren Cappuccino und schauen den Tänzern zu. Der Tanz heißt Danza de los Viejitos – der Tanz der Alten. Die Maske eines alten Mannes auf dem Kopf, mit ihrem Stock immer wieder auf die Bretter schlagend, so humpeln und springen sie umher. Ursprünglich war dieser Tanz der Tarasken dem Gott der Alten und des Feuers gewidmet. Eine andere Deutung besagt, daß die Tarasken damit die spanischen Konquistadoren verspotteten, denen sie sich 1522 kampflos ergaben. Bemerkenswert, wenn man bedenkt, daß es den Azteken vorher nicht gelungen war, dieses stolze Volk zu unterwerfen.

Es hat eine Weile gedauert, bis dieser Mann seinen Hahn verkauft hatte, wahrscheinlich weil der Autoverkehr um ihn herum so dicht war. Übrigens: Es wurde auf der Straße auch geschlachtet. Aber solche Bilder wollten wir euch nicht zumuten.

Diese Musikanten spielen am Nachbartisch auf – für eine mexikanische Schönheit mit glänzendem, pechschwarzem Haar. Was ist der Unterschied zwischen Jörg und dem Caballiero am Nachbartisch? Nun – der Caballero hat seine Schöne sicher nicht erst gefragt, ob sie ein Ständchen will oder nicht…

Seit drei Jahren hat sich Jörg auf diese Strecke gefreut! Eine Serpentine nach der anderen, fast 3000 m hohe Pässe, immer wieder großartige Aussichten und so gut wie kein Verkehr. Dieser läuft heutzutage über die neue, mautpflichtige Super Carretera 15D. Wir aber fahren auf der alten Mex 15 von Morelia über Ciudad Hidalgo nach Zitácuaro. Es ist eine waldreiche Landschaft, durch die wir fahren. Aber um die Indianersiedlungen herum, ist der Boden zum Teil bis auf 3000 m hinauf bewirtschaftet. Die Bilder sollen einfangen, wie mühselig das auch heute noch ist.

Unser Ziel in dieser Gegend ist das Santuario de las Mariposas Monarca – ein Schmetterlings-Schutzgebiet. Unser Auto lassen wir auf der Wiese des Hotels “Villa Monarcha Inn” kurz vor Zitacuaro stehen, wo wir auch übernachten. Phil und Carol, mit denen wir schon ein paar Tage durch die Gegend ziehen, nehmen uns auf eine Tagestour mit. Über Ocampo und Angangueo geht es hoch in die Berge. Über Kopfsteinpflaster und unzählige Topes erreichen wir El Rosario. Ein Pulk von Kindern stürzt sich auf uns, kaum das wir aus dem Auto sind. Jeder will auf’s Auto aufpassen – gegen Bezahlung versteht sich. Phil ernennt den frechsten (?) zum Chef und gibt ihm eine Anzahlung. Bei unserer Rückkehr bekommt er die andere Hälfte seines Lohnes. Nachdem wir uns durch 200 m Verkaufs- und Freßbuden gequält haben, sind wir endlich im Hochwald. Frische Luft und keine Laute mehr – außer amerikanisch(!). Aber auch keine Schmetterlinge. Wir mühen uns noch eine Stunde den Berg hinauf. Marjie ist natürlich wieder unfair: Dreimal sagt sie zu mir ‘Opa – komm jetzt!’. Dann eine größere Gruppe von Leuten vor uns, die auf die Bäume starren. Wir können es zunächst nicht deuten. Aber das sind sie – die Monarch-Schmetterlinge. Sie hängen so dicht an den Bäumen, dass man die Zweige nicht mehr erkennen kann. Fünf Minuten später bricht die Sonne durch die Wolken. Ein Rauschen hebt an und dann sind sie in der Luft. Man kann es nicht beschreiben, wenn eine Million Schmetterlinge in der Luft sind. Auch mit Bildern kann man das nicht einfangen.

Jedes Jahr im Herbst ziehen die Monarch-Schmetterlinge von Kanada über die USA bis nach Mexiko. Dabei legen manche von ihnen Strecken über 4000 km zurück. Hier in einer Höhe von über 3000 m hängen sie dann in dichten Trauben in den Pinien und Oyamel-Bäumen und halten ihren Winterschlaf. Wenn am Vormittag die Sonne herauskommt, fangen sie an zu flattern. Dann ist eine schier unglaubliche Musik in der Luft. Wie soll man eine Musik beschreiben, die von millionenfachen Flügelschlägen komponiert wird? Wird es mittags sehr heiß, suchen sie feuchte Stellen am Boden. Selten haben wir beim Bilder machen ein derart starkes Gefühl der Unzulänglichkeit. Und so stehen wir einfach da und können nur noch schauen und hören…

Im März paaren sich dann die Schmetterlinge. Im Flug tragen dabei die Männchen die Weibchen sozusagen Bauch an Bauch. Nach dieser Anstrengung sterben die Männchen alsbald. Die befruchteten Weibchen fliegen in die südliche USA, wo sie ihre Eier ablegen und anschließend selbst sterben. Die neue Generation fliegt dann bis ins östliche Kanada hoch und sorgt wiederum für Nachwuchs. Anfang Oktober geht es dann wieder auf die lange Reise nach Mexiko. Man hat herausgefunden, daß es drei bis fünf Generationen dauert, um diese Rundreise Kanada – Mexiko und zurück zu bewältigen. Was man bis heute nicht beantworten kann, ist die Frage, warum die Schmetterlinge das tun.

Ein Tag in San Miguel de Allende. Meine Armbanduhr sagt mir, daß es Freitag ist. Freitag um 10:00 Uhr morgens. Ich bestelle zunächst einmal ein Mineralwasser gegen den Durst. Eine halbe Stunde habe ich vom Campingplatz in die Innenstadt gebraucht. Immer die Ancha de San Antonia entlang – gemeinsam mit dem morgendlichen Berufsverkehr, der sich stetig aber ohne Hektik über zahllose Topes in die Innenstadt schiebt. Über das grobe Kopfsteinpflaster rumpelt ein alter Mercedes-Buss. Ein Quad mit drei jungen Mexikanerinnen überholt ihn noch vor der Baustelle, die nur durch ein Seil und zwei große Steine gesichert ist. Als ich in die Calle Codo einbiege, wird es ruhiger. Mexikaner sind Langschläfer. Das etwas schnuddlig wirkende Café an der Ecke hat schon geöffnet, der Zeitungsmann hat seine Produkte auf der kleinen Mauer zum Bach hin schon ausgebreitet, aber sonst haben die meisten Geschäfte hinter den bunten Fassaden ihre Pforten noch geschlossen. Und so nehme ich heute morgen erst so richtig wahr, wie kunstvoll manche dieser Türen gearbeitet sind. Aber schnell muß ich meine Aufmerksamkeit wieder dem Bürgersteig widmen. Denn der ist selbst jetzt am frühen Morgen ein Abenteuer und bei Nacht richtig gefährlich. Da ist zunächst mal die Höhe – zwischen 0 und 50 cm ist alles drin. Dann fehlt mal wieder eine der Steinplatten. Dann ist da ein offener Regenschacht. Dann ragt da ein abgesägter Pfosten 10 cm aus dem Boden. Heute morgen gibts noch zwei ‘Zulagen’. Auf frisch geschrupptem, noch leicht seifigem Bürgersteig halte ich gerade noch die Balance, rette mich auf die andere Straßenseite und schon trifft mich ein Schwall frisches Wasser ins Genick. Die Senora im ersten Stock hat es beim Blumengießen zu gut gemeint. Ihren Wortschwall verstehe ich nicht. Aber da ich ihn als Entschuldigung interpretiere, lache ich und ernte meinerseits ein helles Lachen und einen weiteren Wortschwall. Vielleicht sollte ich Marjorie doch zum Spanischkurs begleiten.

Und jetzt sitze ich also im Café de la Parroquia in der Calle Jesús 11 und warte auf Marjorie. Das kleine Café liegt in einem schönen Hinterhof mit einem großen Glasdach darüber. Ein reich verzierter Springbrunnen plätschert in der Mitte des Hofes. Irgendjemand hat 100 Rosen ins Wasser gelegt. Inzwischen dampft vor mir ein American Café con leche. Hier läßt es sich stundenlang aushalten. Und wem es langweilig wird, der geht in die älteste Buchhandlung vor Ort direkt nebendran. El Tecolote ist mit englischsprachiger Literatur gut bestückt. Ich studiere im Moment aber die Atención, eine Zeitung in Englisch und Spanisch, die viel Kulturelles aufgreift und über Aktuelles informiert. So erfahre ich von einer großen Austellung am Wochenende im Instituto Allende. Das ist eine berühmte Sprach- und Kunstschule mit einem breiten Kursangebot, welches vor allem von US-Amerikanern eifrig genutzt wird.

Mit vollem Bauch schleppen wir uns die steile Calle Umarán hoch. Die enge Gasse mündet in den Jardin Principal, den Hauptplatz der Stadt. Dort lassen wir uns unter den rundgeschnittenen Jacaranda-Bäumen auf einer gusseisernen Bank nieder. Wir sitzen direkt vor dem Wahrzeichen von San Miguel, der Kirche Parroquia de San Miguel. Wir sind beileibe nicht allein. Ein Gemisch aus Spanisch und Englisch haben wir im Ohr und gewissermaßen als Garnierung die schrägen Töne dreier Musikanten auf der anderen Seite des Parks, welche mich sehr lebhaft an eine bayrische Blaskapelle ein paar Jahre zuvor in Bad Tölz erinnern. Ein Gemisch aus gegrilltem Mais und Schuhcreme haben wir in der Nase. Direkt neben uns bearbeitet ein Schuhputzer die feinen Lackstifel eines noch feineren Mexikaners, der seinen rießigen Schnauzer in einer großen Zeitung versenkt hat. Die meisten anderen aber starren gebannt auf die bizarren Schattenspiele, welche die Abendsonne auf die vielen Ecken und Erker dieses imposanten Bauwerks projiziert. Die Kirche stammt aus dem 17. Jahrhundert und wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts von dem Indigena-Architekten Zeferino Guttiérez umgebaut. Die gotischen Kathedralen in Europa sollen ihn dabei inspiriert haben.

Heute sind wir etwas spät dran und nehmen den Bus in die Innenstadt. Wie das Bild zeigt fährt Gevatter Tod immer mit. Aber gleich obendrüber hängt der Gekreuzigte. Das ist bei dieser Fahrweise auch für uns irgendwie tröstlich.

Am Jardin Principal angekommen begegnen wir als erstes diesem berittenen Herren. Wem die Uniform nicht überzeugt, der achte auf das Funkgerät in seiner linken Hand, welches übrigens ständig am Quäken ist. Wer immer noch nicht glaubt, daß es sich um einen richtigen Polizisten handelt, der stelle sich einfach mal etwas unmotiviert mitten auf die Straße. Der gut gekleidete Herr wird sogleich den Verkehr anhalten, und sie können gefahrlos die Straße überqueren. Auch das gibt es in Mexiko.

Eine Weile schauen wir dem Schuhputzer zu. Die Stiefel sind übrigens aus echtem Krokodilleder. Als der fleisige Schuhputzer mit dem Mexikaner fertig ist, lädt er Jörg ein Platz zu nehmen. Der lehnt lachend ab und grübelt anschließend einige Minuten lang, was der freundliche Schuhputzer mit seinen Nike-Laufschuhen wohl angestellt hätte.

Auch dieser Indigenafrau haben wir eine ganze Weile zugeschaut. Sie befreit die flachen Blätter des Feigenkaktuses von den Stacheln. Diese werden dann Nopales genannt und leicht angebraten als Gemüse gereicht. Der leicht säuerliche Geschmack harmoniert hervorragend zu Fleischgerichten. Jörgs Lieblingsgericht ist hier in Mexiko Arrachera und Nopales und dazu die rote Chile-Sauce. Hmmm.

Heute ist offensichtlich kein Waschtag. Ab und zu soll aber auch heute noch hier die Wäsche gewaschen werden. Jahrhunderte lang war das jedenfalls der Ort harter Arbeit ( und fröhlichen Geschnatters ? )

Wir haben das relativ kleine Zentrum verlassen und mühen uns den steilen Hang in’s Nobelviertel hoch, um mal einen Blick von oben auf die Stadt werfen zu können. Hier leben viele US-Amerikaner. Alles wirkt sehr gepflegt und sieht sehr vornehm aus. (Na gut – das könnte man vielleicht auch noch anders ausdrücken).

Sieht sie nicht hübsch aus, diese Indigenafrau? Aber sie ist arm. Sie läuft hier nicht zum Spaß herum und spricht die Leute an – übrigens meist vergeblich. Und was hat der coole Mexikaner auf dem Maultier hier mitten in der Innenstadt zu suchen? Er tut das nicht für die Touristen. Er arbeitet hier und lebt irgendwo außerhalb der Stadt. Die Stadt, die ihren Namen übrigens von dem mexikanischen Freiheitskämpfer Ignacio de Allende hat, ist nicht typisch für Mexiko. Wegen seiner international sehr angesehenen Kunstakademie wurde der Ort zum Zweitwohnsitz vieler Nordamerikaner. Unter ihnen sind viele Kunstliebhaber, die viel Geld in die Stadt gebracht haben. Die prachtvollen Kolonialbauten strahlen wie sonst selten im Lande. Die Straßen und Parks sind sauber und gepflegt. Aber wenn man ein paar Tage hier ist, erkennt man die Kluft zwischen den wohlhabenden Ausländern und der ärmeren Bevölkerung. In den Läden der Calle Mesones sehen die Preise sehr europäisch aus und neben uns stehen eigentlich immer nur Leute, die englisch sprechen. Daß der Cappuccino hier deutlich teurer ist, verwundert nicht mehr. Der Preis für die 20 Liter Wasserflasche hat uns dann doch fast geärgert. Genau doppelt so teuer wie im Süden Mexikos.

Einmal bin ich doch mit Marjorie in den Sprachkurs gegangen. Und das war am Donnerstag. Und eigentlich war es kein Sprachkurs, sondern ein Kochkurs. Chefkoch Felix ist ein ganz liebenswerter Mexikaner, der in dieser kleinen Küche souverän Regie führt. Das Publikum, dicht gedrängt um den kleinen Tisch herum, besteht vorwiegend aus nordamerikanischen Damen gehobenen Alters. Jedesmal wenn Felix seine Erklärung (auf Spanisch natürlich!) beendet hat, hebt ein großes Geschnatter an (auf Englisch natürlich!). Mit zwei anderen Ehemännern habe ich mich in den kleinen Hof zurückgezogen. Wir diskutieren, was Felix für Damen wohl so attraktiv macht und können uns nicht einigen. Aber gemeinsam freuen wir uns schon aufs Probieren. In einer halben Stunde ist Essen angesagt und für quality control fühlen wir uns zuständig. Um die Geschichte abzukürzen: Total begeistert bin ich von der Guacamole, einem Avocado-Dip, der auf keinem mexikanischen Tisch fehlen darf. Hier das Rezept von Felix:

Aguacates: 2 grandes y maduros
Tomate: 200 gramos
Cebolla: 1 pequena
Chiles: 3
Cilantro fresco y troceado: 1 pellizco
Sal: 1 pellizco
Pimienta: 1 pellizco
Azúcar: 1 pellizco

Se trocea cuidadosamente el aguacate para que no se forme una pasta. Se pone en un recipiente y se mezcla con el resto de los ingredientes previamente picados y sin pepitas, excepto el azúcar que se reserva para después.
Cuando están todos los ingredientes en el recipiente, se remueve cuidadosamente hasta obtener una masa homogénea.
Se corrige el punto de sal y pimienta y, en caso de ser ligeramente ácido, se le agrega el pellizco de azúcar. Es preferible consumir immediatamente esta salsa ya que el aguacate se oxida rápidamente en contacto con el aire. Para evitar esto agregue un poco de limón.

Am heutigen Freitag erleben wir in San Miguel das farbenprächtigste Spektakel, das wir je gesehen haben. Hunderte von Tänzern, Concheros genannt, prächtig mit Federn und Körperbemahlung geschmückt, stampfen im Rythmus der Trommeln auf dem Steinboden, bewegen sich vor und zurück, auf und ab. Und das geht mehrere Stunden so. Die Tradition geht zurück auf die Zeit der Missionierung der Indianer.

Die Silberstadt Guanajuato ist die zweite alte Kolonialstadt, die wir besuchen. Viele sagen, es ist die schönste Minenstadt Mexikos. Auf jeden Fall ist sie nicht so touristisch wie San Miguel. Man hört kaum Englisch und das Leben in der Stadt ist viel ursprünglicher. Wenn man zum ersten Mal mit dem Auto hierher kommt, muß man höllisch aufpassen, daß man sich in den vielen Tunnels nicht verirrt. Ab und zu kommen diese Tunnelstraßen wieder an die Oberfläche. Dann werden sie von Felsbrücken und künstlichen Torbögen überspannt. Wir suchen uns einen kleinen zentrumsnahen Campingplatz und begeben uns zu Fuß in die Stadt. Die Basílica Nuestra Senora de Guanajuato wird innen gerade renoviert. Gebannt schauen wir zu. Was für ein schönes Gebäude! Und welch eine Pracht im Inneren! Nicht weit davon der zinnenbewehrte, weiße Koloss der Universität. Daran anschließend der Templo de la Companía, welcher einst den Jesuiten gehörte. Das Theater trägt prachtvolle Figuren auf der Frontseite.

Wir besuchen noch schon etwas außerhalb der Stadt die Kirche La Valenciana mit einer tollen Barockfassade, ebenfalls mit einem prachtvollen Inneren. Der frühere Besitzer der Silbermine gleichen Namens ganz in der Nähe hat sie gebaut.

Vom Museo de las Momias muten wir euch nur ein Bild zu. Hinter Glas kann man hier alle möglichen Mumien betrachten, vom Kleinkind bis zum Greis, mit und ohne Kleiderfetzen, mit aufgerissenen Mündern und aufgeschlitzten Bäuchen. Die trockene, mineralsalzhaltige Erde hat die Leichen nicht verwesen lassen und irgendwann kam jemand auf die Idee, sie in einem Museum auszustellen. Wie auf dem Bild aus dem Bus weiter oben, ist auch hier die -sagen wir mal- lockere Art der Mexikaner im Umgang mit dem Tod erkennbar. Also jedenfalls waren wir aus diesem Museum ziemlich bald wieder draußen.

Dieses Bild stammt aus dem Museo Iconográfico del Quijote. Ihr seht, wie erschöpft Jörg ist ;-( Außer bei den Mumien waren wir noch im Haus von Diego Rivera, dem berühmtesten Maler Mexikos. Zu Don Quijote mußte er allerdings nicht von Marjorie gedrängt werden. Jörg zählt diese Romanfigur zu einem seiner Vorbilder. In einem schön restaurierten Kolonialbau hat man erst 1987 dieses Museum eröffnet. Und es ist nicht nur für Literatur-Fans eine Empfehlung!

Bevor wir das mexikanische Hochland verlassen, schauen wir uns noch das Monumento a Cristo Rey an. Das ist die zweitgrößte Christus-Statue der Welt – nach dem in Rio de Janeiro. Die 16 m hohe Figur tront auf einem 2700 m hohen Berg in der geografischen Mitte von Mexiko.

Auch der kleinen Stadt Dolores Hidalgo nordwestlich von San Miguel statten wir noch einen Besuch ab. Hier rief am 16. September 1810 der heute als Nationalheld gefeierte Miguel Hidalgo die Revolution aus. Was auf dem Bild nicht ganz leicht zu erkennen ist: Der Glöckner läutet die Glocken von außen über ein Seil!

Zu den Bildern: 08 Kolonialstätte

Mexico - Im wilden Süden

Von Mixteken und Zapoteken

März 2008

Mit über 20 Millionen Einwohnern ist Ciudad de México der größte Ballungsraum der Welt. Die Megastadt in dünner Luft auf über 2200m Höhe steht dieses Mal nicht auf unserem Programm. Wir kommen von Norden in das Hochtal. Unter der gigantischen Smogglocke ist nicht viel zu erkennen. In Richtung Südosten versuchen wir an diesem Moloch vorbeizukommen und den Popocatépetl anzusteuern. Mit über 5000m ist dieser aktive Vulkan ja eigentlich ein Riese. Aber wir können ihn in dieser gelblich weißen Masse nicht ausmachen. Der Verkehr ist irrsinnig. Jörg versucht, sich nur auf diesen Verkehr zu konzentrieren und nicht an die vielen Reiseberichte zu denken, die von stundenlangen Irrfahrten und schikanöser Polizei berichten. An dieser Stelle muss jetzt einfach ein dickes Lob an den Navigator kommen. Mit drei verschiedenen Karten auf dem Schoß sitzt Marjorie ruhig und konzentriert auf dem Beifahrersitz. Das GPS-Gerät fest im Blick entgeht ihr dennoch kein Straßenschild. Als Jörg das Ortsschild Teotihuacán liest, ist er total erleichtert. Die meisten von euch wird es nicht wundern, dass Marjorie ein Dankeschön-Küsschen großzügig ablehnt. Mit welcher Begründung? Zitat: “Ach, war doch gar nicht so schwierig.”

Am nächsten Morgen machen wir uns früh auf, um die “Heimat der Götter” zu besuchen. Denn das bedeutet der Name Teotihuacán. Gegründet um zirka 100 v.Chr. gilt die Anlage als das bedeutendste Kulturzentrum des alten Amerika. In seiner Blütezeit zwischen 200 und 500 n. Chr. lebten hier auf zirka 22 qkm geschätzte 200.000 Menschen. Der überwiegende Teil der Anlage ist noch immer unerforscht und liegt unausgegraben in Umland. Doch allein das, was wir zu Gesicht bekommen, überwältigt uns. Um diese Zeit sind nur wenige Touristen unterwegs, und so können wir die Mondpyramide fast allein besteigen.

Oben eröffnet sich uns ein herrlicher Blick über die Ruinen. Die Hauptachse der Anlage, die sogenannten Calza da de los Muertos, hat eine Länge von 2 Kilometer. An ihrer Mitte ragt die Sonnenpyramide 70m in die Höhe. An der Basis misst dieser Koloss 225m x 222m. Dass wir heute nicht bis ganz hoch dürfen, macht Jörg nicht besonders traurig. Während er noch nach Luft ringt, versucht Marjorie dem grimmig drein blickenden Wärter ein paar Erklärungen zu entlocken: Am 21.März steht die Sonne genau senkrecht über der Pyramide. Vor Sonnenaufgang versucht dann halb Mexiko auf diese Pyramide zu klettern, um übernatürliche Energien zu tanken. Und dieses Ereignis will vorbereitet sein!

Also begeben wir uns ins Museum. Auch hier wundern wir uns wieder darüber, wie diese teils fein gearbeiteten Kultgegenstände wohl hergestellt wurden. Wer waren diese Menschen? Welche Werkzeuge haben sie benutzt? Welche Sprache sprachen sie? Wie funktionierte die Gesellschaft? Die Wissenschaft weiß wenig Antworten. Gesichert ist, dass die Azteken im Jahre 1250 n.Chr. die Stadt bereits verlassen vorfanden. Aber dieses kriegerische, neue Herrschervolk war sich sicher, dass nur Götter so etwas Gewaltiges schaffen konnten. Und so bekam die Stätte den Namen Teotihuacán – Heimat der Götter. Fortan wohnten hier der Schöpfergott Quetzalcoatl (die gefiederte Schlange) und Tláloc (der brillengesichtige Wassergott).

Unser nächstes Ziel ist Cholula. Die Stadt mit den zahllosen Kirchen liegt direkt neben Puebla (richtig – das ist die Stadt mit dem VW-Werk!) und ist viel schöner als die große Industriestadt nebendran. Gleich am ersten Tag nehmen uns unsere Camping-Nachbarn, eine mittelalte und eine ältere Dame aus Quebec (Mutter und Tochter wie sich schnell herausstellt), mit zu der wunderschönen Kirche Tonantzintla. Unglaublich vor allem der Prunk im Inneren.
Die Abendsonne genießen wir wieder am Zócalo in Cholula.

Früh am Morgen des nächsten Tages steigen wir dann hoch zur Kirche Nuestra Senora de los Remedios. Eine schöne und bekannte Kirche – weithin sichtbar. Das besondere an dieser Kirche aber ist, dass sie auf einer Pyramide gebaut wurde. Das taten die Spanier gerne, um die Leute schnellstmöglich von ihrem alten Glauben abzubringen. Die mehrfach überbaute Pyramide gilt dem Volumen nach als die größte der Welt. Aber außer einem gewaltigen Erdhügel ist nicht mehr viel zu sehen. Nur ein ganz kleiner Teil wurde restauriert. Wir aber sind so früh hier hoch, um endlich den Popocatétepetl ganz ohne Smog und nur mit seiner berühmten Rauchfahne zu sehen. Wie ihr selbst beurteilen könnt, war das Glück (in Form von klarer Sicht) nicht ganz auf unserer Seite.

Erst zu Ostern wollen wir in Oaxaca sein. Also machen wir kurzentschlossen erst mal einen Abstecher an den Golf von Mexiko. Dort besuchen wir versteckt zwischen den Lagunen das kleine, putzige Städtchen Tlacotalpan. Man nennt es die vergessene Stadt. Von der bewegten Vergangenheit ist nichts mehr zu spüren. Heute kommen vorwiegend Mexikaner aus der Hauptstadt hierher. Und so sitzen wir in einer netten Wirtschaft direkt am Fluss, genießen das vorzügliche Essen und schauen den vielen Kindern beim Spielen zu. Bevor wir am nächsten Tag weiterfahren, machen wir nochmal eine Fototour.

Nach 310km und 7 Stunden kommen wir endlich in Oaxaca, der Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaates, an. Marjorie zeigt mir das Höhenprofil unserer gefahrenen Strecke. Von 0 auf über 3000m und dann noch einmal von 1500 auf über 3000m. Das war hart für den Landcruiser. Und hart waren die vielen Topes für die Nerven von Jörg. Aber jetzt sitzen wir (ihr ahnt es schon!) bei einer Tasse Cappuccino hier am Zógalo und kommen mit dem Schauen überhaupt nicht nach und mit dem Bilder machen schon gar nicht.

In der Woche vor Ostern ist hier besonders viel los – so steht es im Reiseführer. Und so ist es. Kinder lassen lange Luftballons steigen. Eine Indio Frau hat leckere Köstlichkeiten in ihrem Korb, den sie auf dem Kopf balanciert. Eine alte Frau hockt auf dem Boden und hofft auf Käufer für ein paar bunte Tücher, die sie direkt auf dem Bürgersteig ausgebreitet hat. Ein sehr vornehm wirkender Herr erklärt in gestenreicher Sprache den nächsten Musiktitel der bunten Truppe hinter ihm.

Anschließend bummeln wir noch zu den großen Markthallen. Beim Gewürzhändler bleibt Marjorie lange stehen und versucht sich die Namen zu merken. In der kleinen Schokoladenfabrik schauen wir nicht nur zu, sondern probieren auch. Es schmeckt köstlich. Wir kaufen Schokosauce mit Chili. Von den gerösteten Heuschrecken am nächsten Stand machen wir aber nur ein Foto.

Der kleine bunte Vogel auf dem Bild hat uns nur beim Frühstück zuschauen können. Denn nur dann saßen wir unter seinem Baum an unserem Auto. Ansonsten unternehmen wir jeden Tag Ausflüge in die kulinarische Welt von Oaxaca. Und diese Welt ist bunt. Die Gerichte werden in der Regel nach der Farbe der Soße benannt. Die wohl berühmteste ist mole negro, eine dunkle, dicke Soße aus 20 Zutaten, darunter Schokolade und Chili. Man ißt sie zu Hühnchen und Reis. Einfach köstlich. Oaxaca ist berühmt für seine teilweise sehr ausgefallene Küche. Chapulines – geröstete Heuschrecken haben wir ausgelassen, aber sonst haben wir jeden Tag was anderes probiert. Die Namen auf der Speisekarte waren dabei meist schwerer verdaulich als die Gerichte selber. Richtig gemein fand Jörg, daß auf dem Heimweg meist auch noch eine Bäckerei am Wege lag.

Die Semana Santa wird hier im Süden Mexikos besonders ausgiebig und besonders farbenprächtig gefeiert. Wir erleben die Karfreitagsprozession mit. Von prächtig gekleideten Kapuzenmännern, aber auch von Frauen, wird der Gekreuzigte auf einer mit Blumen geschmückten Trage durch die Straßen getragen. Und das alles in tiefem Schweigen. Es geht zehn Schritte vorwärts, dann wird wieder angehalten. Hunderte von Zuschauern säumen die Straße, aber es ist kaum ein Laut zu hören.

Ein paar Kilometer außerhalb der Stadt bietet Oaxaca eine weitere archäologische Attraktion – Monte Alban. Dieses UNESCO Weltkulturerbe war eine Kultstädte vieler Völker. Es waren in der Hauptsache die Zapoteken die diesen Berg viele Jahrhunderte genutzt haben. Aus unbekannten Gründen verließen sie ihn aber so etwa ab dem Jahr 750. Es folgten die Mixteken, begabte Kunsthandwerker, die eine blühende Hochkultur erschufen. Monte Albán nutzten sie hauptsächlich zur Bestattung ihrer Toten.

Eine Ausnahme unter all diesen rechtwinkligen Bauten ist das schräg auf dem Platz stehende Observatorio. Sein Grundriss hat die Form einer Pfeilspitze. Es diente für astronomische Beobachtungen und Berechnungen.

Sehr beeindruckt hat uns die Gallerie der Tänzer. Große Steintafeln, welche zu einer Reihe aufgestellt sind, zeigen Reliefs von nackten männlichen Figuren mit großen Köpfen, geschlossenen Augen und Ohrstäben, manche mit Bärten, andere bucklig. Der Einfluß der Olmeken ist unverkennbar. Neuere Deutungen sprechen von medizinischen Sonderfällen.

Heute steht Kultur auf dem Programm. Die Kirche Santo Domingo ist die größte und wichtigste Oaxacas. Wegen der ständigen Erdbebengefahr wurde sie nicht besonders hoch gebaut. Aber die beiden gedrungenen Türme verleihen ihr ein wuchtiges Aussehen. Der erste Eindruck im Inneren ist einfach überwältigend. Immer wieder staunen wir, mit welcher Akribie die plastischen Bildnisse herausgearbeitet wurden. Heiligenstatuen und Ölgemälde wechseln sich ab. Der ganze Altaraufsatz ist mit Blattgold überzogen. Ein wahrer Stuck- und Goldrausch! Auch wer wenig Zeit mitbringt, sollte in das neu eröffnete Museo de las Culturas de Oaxaca gehen. Lückenlos stellt es die Geschichte und die Volkskunst Oaxacas dar. Am berühmtesten ist sicher der Grabschatz aus dem Grab 7 vom Monte Albán. Viele der über 500 Teile waren aus reinem Gold. Besonders gefallen hat Marjorie der siebenteilige Brustschmuck.

So tief wie der Grand Canyon ist diese Schlucht nicht, aber beeindruckt sind wir trotzdem. Wir stehen am oberen Rand des Canon del Sumidero. Mit seinen über 1000m hohen Felswänden und einer Breite zwischen 500m und 2000m kann sich dieser Abflussgraben (Sumidero) durchaus sehen lassen. Eine Weile haben wir uns überlegt, ob wir uns einem der Speedboote anvertrauen sollen, die bis zur Staumauer vordonnern. Dann haben wir uns aber doch entschlossen, am oberen Rand die einzelnen Aussichtspunkte anzufahren. Und jetzt stehen wir hier oben am Canyonrand und schauen zu, wie unter uns die Geier ihre Kreise ziehen. Beim Kaffee liest Marjorie Jörg aus dem Reiseführer vor: “Von der Schluchtkante haben sich hier 1527 etwa 2000 Chiapa-Maya hinabgestürzt, um der Versklavung durch die vorrückenden Spanier zu entgehen.”

Wir haben die Küstenregion nun endgültig verlassen und befinden uns jetzt auf über 2000m Höhe. Es ist grün geworden. Überall wächst und gedeiht es. An steilen Hängen wächst Mais. Dazwischen wieder Wald. Indianerinnen in bunten Trachten schleppen Holz. Wir sind in Chiapas, der südlichsten Provinz Mexikos. Hier leben noch viele reinrassige Mayas. Die kleinen, untersetzten Menschen sind noch sehr mit den alten Traditionen verbunden. In den Augen vieler Mexikaner gelten sie als rückständig. Aber mehr als einmal werden wir angelächelt, oder die Menschen winken uns zu. Angenehm überrascht sind wir von der Tatsache, dass hier nicht so viel Müll am Straßenrand liegt wie sonst in Mexiko.

In San Cristóbal de las Casas bleiben wir ein paar Tage. Der Ort erinnert uns sehr an die übrigen Kolonialstädte, die wir im mexikanischen Hochland besichtigt haben. Aber hier geht es noch etwas bunter und lebhafter zu. Fotografiert werden wollen die Menschen allerdings nicht. Beim Einkaufen erleben wir den ersten Tropenregen. Aber insgesamt ist das Klima hier sehr angenehm. Und natürlich sitzen wir auch hier wieder am Zócalo, genießen unseren Cappuccino und schauen den Menschen zu. So viele unterschiedliche Rassen haben wir noch nie auf einem Fleck gesehen. Viele europäische Touristen sind hier und viele, viele Indios, die was verkaufen wollen. Sie sind deutlich aufdringlicher als weiter im Norden. Und immer wieder bewundern wir die farbenprächtigen Trachten. Sie sind aus den umliegenden Dörfern gekommen, weil sie hier auf ein Geschäft hoffen. Und offensichtlich hat jedes Dorf seine eigenen Trachten.

Heute Morgen sind wir früh am Zócalo. Wir sind mit Raúl und Miguel verabredet. Sie bringen uns in einem alten, klapprigen VW-Bus zu den beiden Dörfern San Juan Chamula und Zinacantán. Chamula ist das politische und religiöse Zentrum für 8000 Tzotziles. Sie leben hier und in den weit verstreuten Dörfern noch völlig autark und nach eigenen Regeln. Und die mexikanische Regierung toleriert das. Die Frauen müssen wesentlich mehr arbeiten und verlassen das Dorf kaum. Die Männer gehen manchmal zum Arbeiten oder zum Vergnügen aus dem Dorf. Dann kleiden sie sich modern. Selbst im Dorf tragen sie unter den Trachten manchmal Jeans. Wer sich nicht an die alten Regeln hält, muss das Dorf verlassen. Besonders fremdartig wird es für uns in der Kirche. Die Vermischung des katholischen Glaubens mit den althergebrachten Ritualen und dem Schamanenkult der Mayas ist offensichtlich. Fotografieren ist strikt untersagt. Wir schreiten über den mit Piniennadeln bestreuten Fußboden. Bänke gibt es keine in dieser Kirche. Dafür jede Menge Kerzen und Girlanden. Entlang der Wände eine Vielzahl von Glasvitrinen mit Heiligenstatuen. An verschiedenen Stellen finden Heilungs- und Opferzeremonien statt. Alles ist wirklich sehr fremdartig.

Im zweiten Dorf Zinacantán ist der größere Wohlstand deutlich zu sehen. Bis weit die Hänge hinauf ziehen sich die Gewächshäuser. Hier haben sich die Nachfahren der Mayas auf den Anbau von Schnittblumen spezialisiert. Der Wohlstand scheint ziemlich gleichmäßig verteilt. Das Leben ist hier “mexikanischer”. Es herrscht Gleichberechtigung der Geschlechter. Die alten Mayariten finden hier nur außerhalb der katholischen Kirche statt. Miguel führt uns in eine Familie, wo wir beim Weben und Tortilla-Backen zusehen (und sogar probieren) dürfen.

Zu den Bildern: 09 Im wilden Süden

Im Land der Mayas

Blut, Schweiß und Tränen

April 2008

Die Straße von San Cristóbal nach Palenque ist mit Topes übersäht. Nur langsam kommen wir vorwärts. Von anderen Reisenden sind wir gewarnt worden, weil hier die Zapatistas (indigene Widerstandsbewegung) besonders aktiv war. Aber ohne Probleme erreichen wir die Wasserfälle von Agua Azul. Phantastisch wie das Wasser über die vielen Klippen stürzt. Und endlich ist es grün auf unserer Reise! Grün in allen Nuancen. So viele Pflanzen haben wir noch nie ‘durcheinander’ wachsen sehen. Die kleine Verkäuferin hat Süßigkeiten auf ihrem Kopf. Einige davon musste Jörg natürlich ausprobieren.

Am nächsten Morgen machen wir uns früh auf, um die “Heimat der Götter” zu besuchen. Denn das bedeutet der Name Teotihuacán. Gegründet um zirka 100 v.Chr. gilt die Anlage als das bedeutendste Kulturzentrum des alten Amerika. In seiner Blütezeit zwischen 200 und 500 n. Chr. lebten hier auf zirka 22 qkm geschätzte 200.000 Menschen. Der überwiegende Teil der Anlage ist noch immer unerforscht und liegt unausgegraben in Umland. Doch allein das, was wir zu Gesicht bekommen, überwältigt uns. Um diese Zeit sind nur wenige Touristen unterwegs, und so können wir die Mondpyramide fast allein besteigen.

Oben eröffnet sich uns ein herrlicher Blick über die Ruinen. Die Hauptachse der Anlage, die sogenannten Calza da de los Muertos, hat eine Länge von 2 Kilometer. An ihrer Mitte ragt die Sonnenpyramide 70m in die Höhe. An der Basis misst dieser Koloss 225m x 222m. Dass wir heute nicht bis ganz hoch dürfen, macht Jörg nicht besonders traurig. Während er noch nach Luft ringt, versucht Marjorie dem grimmig drein blickenden Wärter ein paar Erklärungen zu entlocken: Am 21.März steht die Sonne genau senkrecht über der Pyramide. Vor Sonnenaufgang versucht dann halb Mexiko auf diese Pyramide zu klettern, um übernatürliche Energien zu tanken. Und dieses Ereignis will vorbereitet sein!

Also begeben wir uns ins Museum. Auch hier wundern wir uns wieder darüber, wie diese teils fein gearbeiteten Kultgegenstände wohl hergestellt wurden. Wer waren diese Menschen? Welche Werkzeuge haben sie benutzt? Welche Sprache sprachen sie? Wie funktionierte die Gesellschaft? Die Wissenschaft weiß wenig Antworten. Gesichert ist, dass die Azteken im Jahre 1250 n.Chr. die Stadt bereits verlassen vorfanden. Aber dieses kriegerische, neue Herrschervolk war sich sicher, dass nur Götter so etwas Gewaltiges schaffen konnten. Und so bekam die Stätte den Namen Teotihuacán – Heimat der Götter. Fortan wohnten hier der Schöpfergott Quetzalcoatl (die gefiederte Schlange) und Tláloc (der brillengesichtige Wassergott).

Unser nächstes Ziel ist Cholula. Die Stadt mit den zahllosen Kirchen liegt direkt neben Puebla (richtig – das ist die Stadt mit dem VW-Werk!) und ist viel schöner als die große Industriestadt nebendran. Gleich am ersten Tag nehmen uns unsere Camping-Nachbarn, eine mittelalte und eine ältere Dame aus Quebec (Mutter und Tochter wie sich schnell herausstellt), mit zu der wunderschönen Kirche Tonantzintla. Unglaublich vor allem der Prunk im Inneren.

Die Abendsonne genießen wir wieder am Zócalo in Cholula.

Früh am Morgen des nächsten Tages steigen wir dann hoch zur Kirche Nuestra Senora de los Remedios. Eine schöne und bekannte Kirche – weithin sichtbar. Das besondere an dieser Kirche aber ist, dass sie auf einer Pyramide gebaut wurde. Das taten die Spanier gerne, um die Leute schnellstmöglich von ihrem alten Glauben abzubringen. Die mehrfach überbaute Pyramide gilt dem Volumen nach als die größte der Welt. Aber außer einem gewaltigen Erdhügel ist nicht mehr viel zu sehen. Nur ein ganz kleiner Teil wurde restauriert. Wir aber sind so früh hier hoch, um endlich den Popocatétepetl ganz ohne Smog und nur mit seiner berühmten Rauchfahne zu sehen. Wie ihr selbst beurteilen könnt, war das Glück (in Form von klarer Sicht) nicht ganz auf unserer Seite.

Erst zu Ostern wollen wir in Oaxaca sein. Also machen wir kurzentschlossen erst mal einen Abstecher an den Golf von Mexiko. Dort besuchen wir versteckt zwischen den Lagunen das kleine, putzige Städtchen Tlacotalpan. Man nennt es die vergessene Stadt. Von der bewegten Vergangenheit ist nichts mehr zu spüren. Heute kommen vorwiegend Mexikaner aus der Hauptstadt hierher. Und so sitzen wir in einer netten Wirtschaft direkt am Fluss, genießen das vorzügliche Essen und schauen den vielen Kindern beim Spielen zu. Bevor wir am nächsten Tag weiterfahren, machen wir nochmal eine Fototour.

Nach 310km und 7 Stunden kommen wir endlich in Oaxaca, der Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaates, an. Marjorie zeigt mir das Höhenprofil unserer gefahrenen Strecke. Von 0 auf über 3000m und dann noch einmal von 1500 auf über 3000m. Das war hart für den Landcruiser. Und hart waren die vielen Topes für die Nerven von Jörg. Aber jetzt sitzen wir (ihr ahnt es schon!) bei einer Tasse Cappuccino hier am Zógalo und kommen mit dem Schauen überhaupt nicht nach und mit dem Bilder machen schon gar nicht.

In der Woche vor Ostern ist hier besonders viel los – so steht es im Reiseführer. Und so ist es. Kinder lassen lange Luftballons steigen. Eine Indio Frau hat leckere Köstlichkeiten in ihrem Korb, den sie auf dem Kopf balanciert. Eine alte Frau hockt auf dem Boden und hofft auf Käufer für ein paar bunte Tücher, die sie direkt auf dem Bürgersteig ausgebreitet hat. Ein sehr vornehm wirkender Herr erklärt in gestenreicher Sprache den nächsten Musiktitel der bunten Truppe hinter ihm.

Anschließend bummeln wir noch zu den großen Markthallen. Beim Gewürzhändler bleibt Marjorie lange stehen und versucht sich die Namen zu merken. In der kleinen Schokoladenfabrik schauen wir nicht nur zu, sondern probieren auch. Es schmeckt köstlich. Wir kaufen Schokosauce mit Chili. Von den gerösteten Heuschrecken am nächsten Stand machen wir aber nur ein Foto.

Der kleine bunte Vogel auf dem Bild hat uns nur beim Frühstück zuschauen können. Denn nur dann saßen wir unter seinem Baum an unserem Auto. Ansonsten unternehmen wir jeden Tag Ausflüge in die kulinarische Welt von Oaxaca. Und diese Welt ist bunt. Die Gerichte werden in der Regel nach der Farbe der Soße benannt. Die wohl berühmteste ist mole negro, eine dunkle, dicke Soße aus 20 Zutaten, darunter Schokolade und Chili. Man ißt sie zu Hühnchen und Reis. Einfach köstlich. Oaxaca ist berühmt für seine teilweise sehr ausgefallene Küche. Chapulines – geröstete Heuschrecken haben wir ausgelassen, aber sonst haben wir jeden Tag was anderes probiert. Die Namen auf der Speisekarte waren dabei meist schwerer verdaulich als die Gerichte selber. Richtig gemein fand Jörg, daß auf dem Heimweg meist auch noch eine Bäckerei am Wege lag.

Die Semana Santa wird hier im Süden Mexikos besonders ausgiebig und besonders farbenprächtig gefeiert. Wir erleben die Karfreitagsprozession mit. Von prächtig gekleideten Kapuzenmännern, aber auch von Frauen, wird der Gekreuzigte auf einer mit Blumen geschmückten Trage durch die Straßen getragen. Und das alles in tiefem Schweigen. Es geht zehn Schritte vorwärts, dann wird wieder angehalten. Hunderte von Zuschauern säumen die Straße, aber es ist kaum ein Laut zu hören.

Ein paar Kilometer außerhalb der Stadt bietet Oaxaca eine weitere archäologische Attraktion – Monte Alban. Dieses UNESCO Weltkulturerbe war eine Kultstädte vieler Völker. Es waren in der Hauptsache die Zapoteken die diesen Berg viele Jahrhunderte genutzt haben. Aus unbekannten Gründen verließen sie ihn aber so etwa ab dem Jahr 750. Es folgten die Mixteken, begabte Kunsthandwerker, die eine blühende Hochkultur erschufen. Monte Albán nutzten sie hauptsächlich zur Bestattung ihrer Toten.

Eine Ausnahme unter all diesen rechtwinkligen Bauten ist das schräg auf dem Platz stehende Observatorio. Sein Grundriss hat die Form einer Pfeilspitze. Es diente für astronomische Beobachtungen und Berechnungen.

Sehr beeindruckt hat uns die Gallerie der Tänzer. Große Steintafeln, welche zu einer Reihe aufgestellt sind, zeigen Reliefs von nackten männlichen Figuren mit großen Köpfen, geschlossenen Augen und Ohrstäben, manche mit Bärten, andere bucklig. Der Einfluß der Olmeken ist unverkennbar. Neuere Deutungen sprechen von medizinischen Sonderfällen.

Heute steht Kultur auf dem Programm. Die Kirche Santo Domingo ist die größte und wichtigste Oaxacas. Wegen der ständigen Erdbebengefahr wurde sie nicht besonders hoch gebaut. Aber die beiden gedrungenen Türme verleihen ihr ein wuchtiges Aussehen. Der erste Eindruck im Inneren ist einfach überwältigend. Immer wieder staunen wir, mit welcher Akribie die plastischen Bildnisse herausgearbeitet wurden. Heiligenstatuen und Ölgemälde wechseln sich ab. Der ganze Altaraufsatz ist mit Blattgold überzogen. Ein wahrer Stuck- und Goldrausch! Auch wer wenig Zeit mitbringt, sollte in das neu eröffnete Museo de las Culturas de Oaxaca gehen. Lückenlos stellt es die Geschichte und die Volkskunst Oaxacas dar. Am berühmtesten ist sicher der Grabschatz aus dem Grab 7 vom Monte Albán. Viele der über 500 Teile waren aus reinem Gold. Besonders gefallen hat Marjorie der siebenteilige Brustschmuck.

So tief wie der Grand Canyon ist diese Schlucht nicht, aber beeindruckt sind wir trotzdem. Wir stehen am oberen Rand des Canon del Sumidero. Mit seinen über 1000m hohen Felswänden und einer Breite zwischen 500m und 2000m kann sich dieser Abflussgraben (Sumidero) durchaus sehen lassen. Eine Weile haben wir uns überlegt, ob wir uns einem der Speedboote anvertrauen sollen, die bis zur Staumauer vordonnern. Dann haben wir uns aber doch entschlossen, am oberen Rand die einzelnen Aussichtspunkte anzufahren. Und jetzt stehen wir hier oben am Canyonrand und schauen zu, wie unter uns die Geier ihre Kreise ziehen. Beim Kaffee liest Marjorie Jörg aus dem Reiseführer vor: “Von der Schluchtkante haben sich hier 1527 etwa 2000 Chiapa-Maya hinabgestürzt, um der Versklavung durch die vorrückenden Spanier zu entgehen.”

Wir haben die Küstenregion nun endgültig verlassen und befinden uns jetzt auf über 2000m Höhe. Es ist grün geworden. Überall wächst und gedeiht es. An steilen Hängen wächst Mais. Dazwischen wieder Wald. Indianerinnen in bunten Trachten schleppen Holz. Wir sind in Chiapas, der südlichsten Provinz Mexikos. Hier leben noch viele reinrassige Mayas. Die kleinen, untersetzten Menschen sind noch sehr mit den alten Traditionen verbunden. In den Augen vieler Mexikaner gelten sie als rückständig. Aber mehr als einmal werden wir angelächelt, oder die Menschen winken uns zu. Angenehm überrascht sind wir von der Tatsache, dass hier nicht so viel Müll am Straßenrand liegt wie sonst in Mexiko.

In San Cristóbal de las Casas bleiben wir ein paar Tage. Der Ort erinnert uns sehr an die übrigen Kolonialstädte, die wir im mexikanischen Hochland besichtigt haben. Aber hier geht es noch etwas bunter und lebhafter zu. Fotografiert werden wollen die Menschen allerdings nicht. Beim Einkaufen erleben wir den ersten Tropenregen. Aber insgesamt ist das Klima hier sehr angenehm. Und natürlich sitzen wir auch hier wieder am Zócalo, genießen unseren Cappuccino und schauen den Menschen zu. So viele unterschiedliche Rassen haben wir noch nie auf einem Fleck gesehen. Viele europäische Touristen sind hier und viele, viele Indios, die was verkaufen wollen. Sie sind deutlich aufdringlicher als weiter im Norden. Und immer wieder bewundern wir die farbenprächtigen Trachten. Sie sind aus den umliegenden Dörfern gekommen, weil sie hier auf ein Geschäft hoffen. Und offensichtlich hat jedes Dorf seine eigenen Trachten.

Heute Morgen sind wir früh am Zócalo. Wir sind mit Raúl und Miguel verabredet. Sie bringen uns in einem alten, klapprigen VW-Bus zu den beiden Dörfern San Juan Chamula und Zinacantán. Chamula ist das politische und religiöse Zentrum für 8000 Tzotziles. Sie leben hier und in den weit verstreuten Dörfern noch völlig autark und nach eigenen Regeln. Und die mexikanische Regierung toleriert das. Die Frauen müssen wesentlich mehr arbeiten und verlassen das Dorf kaum. Die Männer gehen manchmal zum Arbeiten oder zum Vergnügen aus dem Dorf. Dann kleiden sie sich modern. Selbst im Dorf tragen sie unter den Trachten manchmal Jeans. Wer sich nicht an die alten Regeln hält, muss das Dorf verlassen. Besonders fremdartig wird es für uns in der Kirche. Die Vermischung des katholischen Glaubens mit den althergebrachten Ritualen und dem Schamanenkult der Mayas ist offensichtlich. Fotografieren ist strikt untersagt. Wir schreiten über den mit Piniennadeln bestreuten Fußboden. Bänke gibt es keine in dieser Kirche. Dafür jede Menge Kerzen und Girlanden. Entlang der Wände eine Vielzahl von Glasvitrinen mit Heiligenstatuen. An verschiedenen Stellen finden Heilungs- und Opferzeremonien statt. Alles ist wirklich sehr fremdartig.

Im zweiten Dorf Zinacantán ist der größere Wohlstand deutlich zu sehen. Bis weit die Hänge hinauf ziehen sich die Gewächshäuser. Hier haben sich die Nachfahren der Mayas auf den Anbau von Schnittblumen spezialisiert. Der Wohlstand scheint ziemlich gleichmäßig verteilt. Das Leben ist hier “mexikanischer”. Es herrscht Gleichberechtigung der Geschlechter. Die alten Mayariten finden hier nur außerhalb der katholischen Kirche statt. Miguel führt uns in eine Familie, wo wir beim Weben und Tortilla-Backen zusehen (und sogar probieren) dürfen.

Zu den Bildern: 10 Im Land der Mayas